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Dienstag, 26. Mai 2020

Auf nach Freiberg (Teil II)

Um 8.20 Uhr klingelt der Wecker. Allerdings fühle ich mich, als hätte ich die ganze Nacht kaum geschlafen. Kurz nach dem Hinlegen wurde mir kalt, also schnell die Beinlinge drüber. Zu kalt war es damit nicht mehr, aber gegenüber einem hermetisch abgeriegelten Schlafzimmer gibt es draußen im Wald eben doch allerhand zu hören. Außerdem muss ich aufpassen, nicht von der schmalen Bank zu fallen, auf der ich liege (der Boden schien mir zu dreckig). Irgendwann, deutlich vor Sonnenaufgang, erwachen dann die Vögel und veranstalten ein amtliches Pfeifkonzert. So bin ich fast erleichtert, als ich aufstehen kann - und dass ich die Nacht doch gut überstanden habe. Außerdem ist es ein traumhafter Morgen, mit gleißendem Licht und wolkenlosem Himmel.





Vor der Hütte

Etwas überfahren - aber glücklich

Etwas benommen packe ich meine Sachen zusammen, mache mich fertig und nach 55 Minuten verlassen Argos und ich dankbar unsere Unterkunft. Vorsichtig horche ich in mich hinein: Beine, Hintern, Schultern, Nacken - eigentlich fühlt sich alles ziemlich gut an. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben - es war ja auch erst ein halber Tag.

Bis Greifenstein ist es nicht weit und als wir um eine Kurve biegen, erkenne ich die Burg. Der Ort liegt auf über 400 m, direkt oberhalb des Dilltals. Man hat eine wunderbare Aussicht, besonders an diesem Morgen. Ich schieße ein paar obligatorische Bilder und dann sausen wir die über 200 hm hinunter ins Tal. An einer Bäckerei gibt es ein Frühstück und dann geht es ziemlich eben weiter entlang der Dill und der Lahn bis nach Gießen. Dort mache ich schnell ein Bild vor einem legendären Dönerladen für meinen alten Freund Moritz und dann verlassen wir Gießen schon wieder in östlicher Richtung. Die Gegend kenne ich noch gut von früher und mit den meisten Ortschaften, durch die ich komme, verbinde ich Erinnerungen an Menschen, die ich einmal kannte und Geschichten, die ich mit ihnen erlebt habe. Ich denke darüber nach, wie manche Menschen und auch Gegenden einen für eine bestimmte Zeit begleiten, vielleicht eine prägende Rolle spielen, bevor das Leben eine Wende macht, und es in eine andere Richtung geht. Wege treffen sich und gehen wieder auseinander. Irgendwann kann man auf eine Reihe solcher Lebensphasen zurückblicken - für diese hier bin ich dankbar.

Burg Greifenstein

Blick nach Südosten

Hätte ich die Sonnenbrille auf dem vorherigen Bild auch mal getragen...

Die wohl einzige Spielhalle mit Dönerspieß über dem Eingang

Während ich so meinen Gedanken nachhänge, klettere ich langsam im Vogelsberg empor. Von der räumlichen Ausdehnung ist er zwar kein großes Mittelgebirge, aber immerhin komme ich bis auf über 600 m. Ich fürchte schon, dass ich zu langsam unterwegs bin, denn in Fulda, auf der anderen Seite, bin ich mit Freunden zum Kaffee verabredet. Die Abfahrt geht aber dafür ziemlich zügig und gegen viertel vor vier komme ich an unserem Treffpunkt im Cafe im Kloster Frauenberg an. Nach 150 bergigen Kilometern merke ich schon, dass meine Beine nicht mehr ganz frisch sind, und ich bin froh, eine Pause zu machen. Außerdem freue ich mich, die beiden zu sehen - es ist immer besonders schön, wenn man fernab der Heimat das bekannte Gesicht eines Freundes sieht. Wir essen gemeinsam, genießen die Aussicht auf die Stadt und die Rhön und quatschen über alles Mögliche, aber nach über 2 Stunden merke ich, dass ich langsam weiter soll. Schließlich habe ich noch rund 120 km vor mir.

Im Vogelsberg



Vatertag

Der Blick vom Frauenberg

Wir verabschieden uns und Argos und ich machen uns wieder auf den Weg. Die Pause hat gut getan, meine Beine fühlen sich an wie neu, Argos fährt praktisch von alleine das Fuldatal hinunter. Sanft geschwungene grüne Hügel, liebevoll gepflegte Ortschaften, und das alles schon wieder im goldenen Abendlicht - es ist schön hier. Mein Weg führt mich nach Bad Hersfeld, wo ich im Botanischen Gärtchen neben der Stiftsruine (darin finden die Festspiele statt) eine kurze Pause mache. Auch hier ist es schön. Ich erinnere mich an eine Pizzeria, die mit ihrem Steinofen wahre Wunder vollbringen konnte - aber in 50 km kommt in Herleshausen ein Mc Donald's, der für meine Schwester und mich eine historische Bedeutung hat (niemals würde ich sonst McDo den Vorzug geben!). Als Notration - von meinen selbstgebackenen Müsliriegeln ist inzwischen nur noch einer übrig - kaufe ich an einer Tankstelle noch schnell eine Bifi und eine kleine Packung Prinzenrolle. Und schon geht es weiter: Die nächsten 200 hm in Richtung Friedewald stehen an. Die Straße zieht sich durch dichte Laubwälder, und hier ist es bereits so dunkel, dass ich meine Lampe einschalte. Bei der Abfahrt fallen mir am Horizont plötzlich merkwürdige Umrisse auf - grauweiß und unwirklich hoch, im Vergleich zu den grünen, sanft abgerundeten Mittelgebirgshügeln. Als ich näher komme erkenne ich sie: Die Abraumhalden vom Kalibergbau. Ich liebe die Berge, aber diese Salzriesen sind irgendwie bizarr. Echte Fremdkörper in der Landschaft, und im Gegensatz zu den Abraumhalden vom Braunkohletagebau wird auf ihnen niemals etwas wachsen - sie bestehen aus Salz. Dennoch ist es eine wunderbare Abendstimmung - das Werratal ist einfach schön. Langsam bin ich aber doch etwas in Eile. Ich möchte ja noch etwas essen und gerne nicht wieder erst um 3 Uhr im Bett liegen. Also trete ich motiviert in die Pedale und denke an das "goldene M", bei dem Kathrin und ich bei unseren Fahrten nach und von Freiberg auf halbem Wege so viele Male eingekehrt sind - auch das eine Episode, die inzwischen über 15 Jahre zurück liegt.

Die Stiftsruine in Bad Hersfeld

Einer der Kali Berge bei Heringen


Entlang der Werra


Der Mc Donald's in Herleshausen

Als ich mich Herleshausen nähere werde ich allerdings unruhig: Wo ist denn nun bloß das goldene M? Die werden doch wohl noch nicht geschlossen haben? Man sieht sowas doch normalerweise von weit her... Als ich in die Straße einbiege kommt die Gewissheit - der Laden ist zu. Oh nein. Inzwischen bin ich wirklich hungrig. Und obwohl ich weiß, dass eine Prinzenrolle einen in solchen Situationen nicht im Stich lässt, sehne ich mich nach etwas Herzhaftem. Ich bin ziemlich in der Provinz, es ist ca. halb elf abends und in den letzten Ortschaften hatte schon lange nichts mehr geöffnet. Viele Möglichkeiten habe ich nicht mehr, aber in gut 10 km kommt Eisenach - da sollte es hoffentlich noch etwas geben.

Ich atme meinen letzten Müsliriegel ein und schon eilen wir weiter. Den geplanten Abstecher zur Wartburg schenke ich mir, und fahre direkt ins Zentrum. Gottseidank finde ich einen Dönerladen, in dem ich mit einem Wolfshunger einen Döner verschlinge und noch einen Falafel-Teller als Betthupferl mitnehme. Mein Ziel ist ein Örtchen ca. 15 km hinter Eisenach, in dem ich wieder eine Waldhütte ausgeguckt habe. Als ich aber nach 10 km in einem sehr stillen Ort an einer schönen gemauerten Bushaltestelle vorbeikomme, entscheide ich mich um. Es ist zwar direkt an der Hauptstraße, aber neben dem Eingang ist es in dem Häuschen so dunkel und uneinsehbar, dass ich mich ziemlich sicher fühle. Und außerdem bin ich schlicht hundemüde. Die "Abendroutine" ist zwar noch etwas holprig, aber um kurz vor eins liege ich im Bett. "Zwei Stunden früher als gestern", denke ich zufrieden und bin schon eingeschlafen. Gute Nacht für heute.

Samstag, 23. Mai 2020

Auf nach Freiberg (Teil I)

Es ist Mittwoch Nachmittag, gleich soll es losgehen. Pünktlich nach der letzten Online-Konferenz mit den Kollegen (es ist 👑-Zeit) möchte ich eigentlich auf Argos sitzen und losreiten. Meine Packliste ist sogar bereits fertig - ansonsten habe ich jedoch noch nichts vorbereitet. "Das wird doch nicht so lange dauern", denke ich, und lerne meine erste Lektion (leider zum wiederholten Male), bereits vor der Abfahrt: Es dauert immer alles länger als angenommen. Wo war noch gleich das Flickzeug, die Kette muss ja noch abgeschmiert werden, nur noch schnell die Aero-Bars dran, aber dann muss ich ja die Lampe umbauen, und wie sieht eigentlich die Küche aus... Ich bewege mich wie in einem dieser Zeitlupen-Alpträume, nur der Sekundenzeiger wird immer schneller. Endlich, gegen kurz vor acht (also abends), sitze ich auf dem Rad und wir rollen los.

Endlich bereit

Es geht in Richtung Süden aus der Stadt, Oberbilk, Wersten, Holthausen - ziemlich Hauptstraße und inzwischen auch wieder ziemlich viel befahren. Aber ab Benrath wird es schön. Es geht am Rhein entlang, grün die Bäume, blau der Himmel, golden das Licht, und die Menschen, sozial ausgehungert nach zwei Monaten Lockdown, alle draußen (wie ich ja auch). Alles mit Abstand, natürlich.

Vater Rhein bei Benrath
Vater Rhein bei Benrath

Und die Schatten werden länger
Die Schatten werden länger

Ich mag die rechte Rheinseite südlich von Düsseldorf: Urdenbach, Baumberg, Monheim haben fast etwas Magisches, besonders in dieser sanften Abendstimmung. Allerdings bin ich nicht so richtig entspannt: Mein heutiges Ziel ist eine Schutzhütte im Wald, in der Nähe von Greifenstein, einem Örtchen am Ostrand des Westerwaldes - rund 150 km entfernt. Wenn ich noch eine Pause mache werde ich gegen 2 Uhr nachts ankommen. Ganz schön spät. Es ist das erste Mal, dass ich so tief in die Nacht fahre und auch das erste Mal, dass ich biwakieren werde (abgesehen von der Bundeswehr-Zeit). Beides ist wichtig zur Vorbereitung auf das Three Peaks, aber mir ist auch etwas mulmig zu Mute. Aber noch ist es schön. Inzwischen ist die Sonne untergegangen, die "Blaue Stunde" angebrochen. Ich komme durch Leverkusen und Köln-Mülheim, und hier brummt das Leben: Buntes Treiben auf den Straßen, vor Läden die Brautmoden, Gegrilltes, Gemüse und Süßes verkaufen. In der Luft liegt ein Duft von Holzkohle, Zitrone und Olivenöl - ein bisschen wie Duisburg-Hochfeld (hach, Duisburg...). Argos kennt dieses Gewusel von den Balkanländern und findet seinen Weg wie ein Fuchs im Dickicht. 

Blaue Stunde...
Blaue Stunde...

... und schwarze Nacht (aber gutes Licht)
... Schwarze Nacht (aber gutes Licht)


So geht es aus Köln heraus, Siegburg und dann - ja dann? Die Straße biegt in Richtung Südosten ab, es geht langsam bergauf, ich passiere einen Ortsausgang und sehe dass der nächste Ort (nennen wir ihn "Nirgendwotupfingen") 16 km entfernt ist. "Das kann doch nicht sein, 16 km keine Ortschaft?!", denke ich bei mir, und schon verschluckt mich die Dunkelheit. Plötzlich ist es Nacht, die Straße windet sich durch Wälder und Felder empor, selten überholt mich ein Auto und ich habe noch knapp 100 km bis zu meinem Ziel - einer Hütte im Wald, die ich bei Google-Earth meine gesehen zu haben. Beklommenheit steigt in mir auf. Die ganze Welt ist zu Hause, geht bald in Geborgenheit ins Bettchen, während ich mutterseelenallein durch die Nacht strampele, zu einem ungewissen Ziel - was wenn die Hütte voller Scherben ist oder andere, also echte, Obdachlose dort hausen? Aber es sind gar nicht so sehr rationale Überlegungen, es ist einfach ein Gefühl der Unsicherheit, Ausgesetztheit und Einsamkeit, das ich aus meinen vertrauten vier Wänden überhaupt nicht kenne. Plötzlich ist all meine Abenteuerlust verschwunden, zärtlich denke ich an mein Bettchen zu Hause und stelle mir vor, was meine Mutter mir entsetzt zu diesem Vorhaben sagen würde (vorsorglich habe ich sie nicht eingeweiht). Ob das wirklich alles das Richtige für mich ist? Ein erfahrener Randonneur hatte mir einmal geraten, "in die Nacht" zu fahren - jetzt weiß ich warum. "Don't scratch at night" steht im Handbuch des Transcontinental Race - "Gib nicht nachts auf". Ich bin noch warm, trocken und ausgeruht, habe eigentlich überhaupt gar kein Problem, aber ich ahne schon jetzt, dass dieser Satz dort aus gutem Grund steht. Also rufe ich mich zur Ordnung, bin rational: In 40 km kommt ein Mc Donald's, dort werde ich Licht sehen und etwas essen und dann kommen noch 50 romantische Kilometer bis zum Ziel. Anders als das Wort übernachten impliziert, ist die  Nacht kein Hindernis, was  überwunden werden muss. Man kann sie schlicht verbringen, drinnen oder draußen. Was für eine Lusche doch diese ganze Zivilisation aus mir gemacht hat! So versuche ich, die Dinge zu sehen wie sie sind: Eine fantastische Sommernacht, die Möglichkeit durch sie zu radeln und die Freiheit das zu tun. Es kostet etwas Selbstbeherrschung, aber ich finde meine innere Ruhe wieder - und irgendwann gegen kurz nach zwei biege ich von der Bundesstraße ab, Kurve ein paar hundert Meter durch den Wald und finde am Waldesrand meine Hütte. Sauber, nicht einsehbar, geschützt gelegen: Wie im Katalog :) Ich bastele mein Bettchen zusammen, nehme eine Magnesiumtablette, putze mir die Zähne, mache Katzenwäsche mit feuchten Tüchern und sprühe eine ordentliche Ladung Desinfektionsmittel in meine Fahrradhose (denn am nächsten Tag werde ich sie wieder tragen). Kurz vor 3 liege ich im Bett. Kein einziges menschengemachtes Geräusch ist zu hören. "Na, war doch alles halb so wild!", denke ich, und mache die Augen zu. Gute Nacht für heute.

Samstag, 25. Januar 2020

Tag 31: Von Verona über München nach Düsseldorf (mit der Bahn)

Nachdem es lange keinen neuen Eintrag mehr gab - der letzte ist vom 6. Juli 2019 (und er beschreibt den 23. Juni 2019...) - wird es langsam Zeit. Der Rückreisetag ist denn auch schnell erzählt:

Nach einer erholsamen Nacht machen sich meine lieben Gastgeber mit mir zusammen auf zum Bahnhof. Sie haben einen Ausflug nach Mailand geplant und ich - schluchz -  werde mit der Bahn über München zurück nach Düsseldorf fahren. Zum Trost nehmen wir vorher noch am Bahnhof ein top-italienisches Frühstück, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und so steige ich mit gemischten Gefühlen in den Zug, der mich aus diesem Land, dieser Reise, diesem liebgewonnenen Landstreicherleben zurück nach Hause bringen wird. 

Nicht genau so, aber ungefähr so sah es aus :)
Beim Einsteigen
Unterwegs versuche ich gar nicht, über irgendetwas nachzudenken, und schaue stattdessen aus dem Fenster. Schnell kommen die Berge und mit ihnen die deutsche Sprache. Aber der erste bewusste Eindruck, an den ich mich erinnere, ist dass es auch nördlich der Alpen ein strahlender Tag ist. Satt grün die Wiesen des Alpenvorlandes, strahlend blau der Himmel, leuchtend rot die Geranien auf den Balkonen der alpenländischen Häuser, und alles liebevoll gepflegt und schön anzusehen. "Dein Heimatland heißt Dich willkommen", denke ich bei mir, und freue mich. In München habe ich eine Stunde Zeit für den Umstieg, es ist Mittagszeit. Argos und ich verlassen den Bahnhof; wir wollen eine kleine Runde drehen, und wer weiß, vielleicht zeigt uns das Schicksal ja etwas Schönes? Am Ende gibt es neben einem Falafel-Dürüm und einem Stück Kuchen noch ein paar einzeln nicht benennbare, schöne Eindrücke des sommerlichen München, die mich mit einem guten Gefühl wieder zum Bahnhof zurück kehren lassen - auch in Deutschland ist es schön.

Die restliche Fahrt ist spektakulär unspektakulär: Wir reisen mit dem ICE 4 direkt nach Düsseldorf. Die Bahn hat einen guten Tag, alles läuft wie am Schnürchen und am frühen Abend (für südländische Begriffe) bin ich wieder zu Hause. Verrückt. "Erstmal was essen.", denke ich gewohnheitsgemäß, und nachdem ich den treuen Argos entladen habe, gehe ich zu meiner Lieblingspizzeria, wo ich meine Lieblingspizza esse.

Pizza Volcano. Für mich unter den Top 3 nördlich der Alpen.
Und so geht diese Reise zu Ende. Der Tacho sagt mir, dass ich 3565 km gefahren bin, und 35781 Höhenmeter. In 166 Stunden (also einen gemütlichen Schnitt von 21.5 km/h, falls es jemanden interessiert). Hohe Zahlen, aber doch sagen sie wenig aus über diese Reise. Wie kann ich es besser beschreiben? Kurz gesagt: Diese war die beste Reise meines Lebens. Das dachte ich schon bei der Pizza, und das denke ich immer noch. Diese Begegnungen, diese Eindrücke, diese mannigfaltigen Gefühle und Erfahrungen, und das gute Gefühl, dass es am Ende doch immer gut läuft... Es ist sicher schön, wenn man so etwas in Gesellschaft unternimmt, weil man Schönes gut teilen kann. Wenn man alleine reist, bleibt einem das verwehrt. Aber dafür gibt es andere Gefühle und Erfahrungen die man eben auch nur alleine machen kann. So vielschichtig meine Motivation zu dieser Reise war, so vielschichtig ist auch das Erfüllung daraus. Würde ich es noch einmal tun? Hell yeah!

In den ersten Tagen und Wochen nach unserer Rückkehr bin ich etwas hibbelig und denke ständig, dass doch etwas passieren müsse - unterwegs gab es so viele Eindrücke mehr als in meinem Alltag. Aber es ist eben Alltag und allmählich gewöhne ich mich wieder daran. Und nach rund einen Monat "in den Tag leben" bin ich wieder angekommen, gehe ins Büro, sehe Freunde, backe Brot, fahre Fahrrad und beschäftige mich mit meiner zweiten großen Leidenschaft, der "Bewertung des Verlustkennfeldes einer außen gewickelten Sammelspirale eines Radialverdichters"...

Ganz herzlichen Dank für das Mitlesen, Mitfiebern und die vielen lieben Nachrichten und Kommentare, die mich auf unterschiedlichen Wegen erreicht haben. Dank Euch war ich nie alleine unterwegs: Ihr habt mir Windschatten gegeben wenn ich ihn brauchte, bergauf auch mal angeschoben und vor allem konnte ich mit Euch die vielen schönen Momente teilen. Danke :)

2019 war also ein ziemlich gutes Fahrrad-Jahr - und nicht nur. 2020 wird hoffentlich ein ebenso gutes Fahrrad-Jahr - und nicht nur :) Offen gesagt, habe ich mir auch für dieses Jahr wieder etwas vorgenommen. Etwas anderes, aber ebenfalls sehr schönes (hoffentlich). Und weil mir das Schreiben viel Freude macht, werde ich wieder hier darüber berichten. Heute nicht mehr, denn es ist schon spät, aber beim nächsten Eintrag erzähle ich, was ich vor habe. Gute Nacht für heute.

Donnerstag, 30. Mai 2019

Tag 5: Nach Österreich, durch Tirol ins Salzburger Land


Heute habe ich ziemlich gut geschlafen. Zwar wache ich vor dem Wecker auf, aber ich fühle mich frisch und erholt. Beim Frühstück bin ich dann doch wieder der Letzte; irgendwie ist auf dieser Reise mein Rhythmus nach hinten verschoben. Ich nehme mir vor, irgendwie früher dran zu sein und auch früher ins Bett zu gehen, ohne genau zu wissen wie - das Leben eines Rad-Landstreichers ist doch sehr ausgefüllt.


Als ich mein Zimmer verlasse, fällt mir auf, dass ich einen ziemlichen Saustall hinterlassen habe: Obwohl ich versucht hatte, vorsichtig zu sein, habe ich wohl den Straßendreck überall verteilt - es knirscht bei jedem Tritt. Schuldbewusst lasse ich etwas Geld auf dem Tisch liegen, was ich normalerweise nicht tue. Diese Unterkunft war mir sehr sympathisch, bodenständig und zugleich höflich, mit einer nicht abgehobenen aber feinen bayrischen Küche. Da möchte ich auch ein guter Gast sein.


Allerdings liegt das Haus auf einem kleinen Hügel, und als ich starte und im Regen hinabrolle, merke ich sofort trotz Armwärmer, wie bitterkalt es ist. "Du musst halt erstmal warm werden", denke ich. Außerdem komme ich nun nach Flintsbach am Inn, wo ich mal ein Auto gekauft habe. Ich versuche, an die damalige Fahrt hierher zu denken - damals waren mein Vater und ich an einem Tag hin und wieder zurück gefahren, während ich inzwischen den 5. Tag unterwegs bin! Es hilft aber nichts, es ist einfach zu kalt. Das Thermometer zeigt 8 Grad, die sich für mich noch wesentlich kälter anfühlen. In einem Vorgarten sehe ich drei Kinder fröhlich in einer Schaukel sitzen - bei einstelligen Temperaturen im Regen. Diese Bergbewohner sind vielleicht doch anders drauf... Bei einer kurzen Pause sehe ich ein paar Schnecken, von denen zwei - ich weiß auch nicht was - tun. Denen ist offenbar auch nicht kalt.


Mache sich jeder ein eigenes Bild

So sehen sie einzeln aus. Sind die eigentlich essbar?

Dieser Gesichtsausdruck ist ein blanker Euphemismus

Ich überquere den Inn und damit die Österreichische Grenze. Eigentlich hat das Überschreiten einer Staatsgrenze für mich immer etwas Feierliches. Dieses Mal allerdings leider gar nicht. Es ist wirklich unangenehm nasskalt, und obwohl es objektiv noch keine bedrohliche Situation ist, bin ich recht konsterniert. Ich habe vielleicht 20 km hinter und noch über 100 vor mir und weiß, dass ich es so nicht schaffen werde. Direkt hinter der Grenze ist ein rasthausähnliches Restaurant. Kurzentschlossen parke ich Argos unter dem Vordach und stapfe triefend hinein. Ein anderer Gast sieht mich mitleidig an und deutet sofort in Richtung Toilette, wo ich erstmal den Handtrockner benutze. Ein paar Motorradfahrer sind auch da: Heute Morgen von Nürnberg gestartet, wollen sie heute noch nach Slowenien. Verrückt schnell, denke ich. Wir fluchen gemeinsam etwas über das Wetter, und dann trinke ich einen Kaffee. Das Regenradar sagt, dass es in einer halben Stunde etwas weniger würde, ich trinke also noch einen Kräutertee. Der Laden selbst ist auch eher sparsam geheizt, so dass ich irgendwann meine Daunenjacke anziehe. Langsam taue ich so wieder auf und beschließe, das Teil unter der Regenjacke an zu lassen. Eine gute Entscheidung: Als ich losfahre ist es ok und irgendwann sogar fast gemütlich. Ich komme sogar wieder dazu, die Umgebung zu genießen.

Ich fahre gerade einen kleinen Weg durch den Wald von Kufstein nach Walchsee hinauf, als plötzlich ein anderer Radler an mir vorbei brettert. Es geht ziemlich steil bergauf und er ist bestimmt 10 km/h schneller als ich. Mit klassischen Packtaschen und einem selbstgebauten Regenschutz aus Mülltüten. Nach wenigen Augenblicken kommt noch einer, selbes Tempo, selbes Setup. Ich beobachte gierig das Fahrrad, das muss doch ein E-Bike sein. Kein Mensch kann hier so schnell hochfahren. Oder die, die es doch können sind gerade geschlossen beim Giro d'Italia... Egal, Argos und ich sind uns einig, dass wir sie ziehen lassen, unwirklich schnell wie sie sind. Bald kommt Walchsee. Ich halte die Augen offen, weil ein Kollege hier Urlaub macht, aber er hat offenbar besseres zu tun als bei Regen und einstelligen Temperaturen an der Straße zu stehen. Gut für ihn :) Wenig später überhole ich die schnellen Jungs mit den Mülltüten. Es sind E-Bikes: Fahren bergauf 25, aber geradeaus eben auch nicht schneller :) Einer flachst zu mir rüber: "Unverschämtheit, hast wohl n E-Bike!!". Auf diesen Moment habe ich lange gewartet: "Ne, ein Muscle-Bike.". Gelächter auf beiden Seiten, während Argos die Brust schwillt vor Stolz. Die beiden sind Sachsen, was man an Dialekt und Humor merken kann :) Im Gegensatz zu mir haben sie es bald geschafft: "Dreißig Kilometer reichen bei dem Regen." Eigentlich hat er Recht, aber ich will nicht so viel darüber nachdenken.

Über Waidring und Lofer geht's weiter, nun in Richtung Süden. Es hat sich richtig schön eingeregnet, aber mit der Daunenjacke ist es ok. Ich habe nur Sorge, dass sie auch nass wird, aber anders geht es gerade nicht. Inzwischen bin ich hungrig und beschließe die nächstbeste Gelegenheit zu nehmen. Ein riesiger Gasthof taucht auf, mit einem Reisebus davor. Hm, vielleicht setze ich doch noch einmal aus. Der nächste Ort heißt St. Martin und ist dementsprechend gnädig mit mir - ich finde einen Bäcker/Konditor mit angeschlossenem Café (ein richtiges Café, keine Stehtische). Diese Läden in Österreich (und auch oft Bayern) liebe ich. Sie haben keine ausgefallenen hippen Namen, sondern heißen schlicht "Bäckerei Familienname" und bieten eine feine Auswahl vorzüglicher Backwaren an. Übrigens habe ich insgesamt den Eindruck, dass es hier (und in Bayern) noch viel weniger Bäckereiketten gibt, und dass stattdessen noch viel mehr Bäcker selber backen. Die Dame an der Theke schaut mich zunächst skeptisch an, als ich andeute, im Café essen zu wollen (ich bin dreckig und triefend), aber ihr Mitleid siegt. So bekomme ich die obligatorische Leberkässemmel, einen Topfenstrudel mit Sahne und einen Bienenstich - alles in landestypischer Größe, so dass ich leider weder Mohnstriezel, noch Nussschnecke probieren kann. Diese Esserei ist echt mit das Beste am Radeln - heute auf jeden Fall.

Irgendwann komme ich dann tatsächlich in Fusch an der Großglocknerstraße an. Morgen möchten wir über den Pass fahren, der heute jedoch wegen Schneefalls geschlossen war. Für morgen ist besseres Wetter vorher gesagt, mal sehen, ob sie öffnen. Die Alternative wäre westlich durch den Felbertauern Tunnel - per Shuttle - hoffentlich bleibt mir das erspart. Da also morgen vielleicht amtlich geklettert wird, hier noch ein paar Worte zu meiner körperlichen Verfassung: Die Beine sind noch erstaunlich gut und machen zuverlässig, was sie sollen. Der Nacken wird immer besser. Nur mein Hintern streitet sich unerbittlich mit dem Sattel, wer nun wem die Form gibt. Mir ist es am Ende egal, aber eine baldige Einigung wäre schön ;) In jedem Fall geht es morgen nach Kötschach - die letzte Nacht in deutschsprachigem Gebiet :) Gute Nacht für heute.






Mittwoch, 29. Mai 2019

Tag 4: Über den Lech, durch München zu den Bergen

Als ich heute aufwache, versuche ich, noch im Bettchen liegend, zu hören, ob es draußen nass ist. Obwohl ich mit offenem Fenster geschlafen habe (damit meine frisch gewaschenen Sachen trocknen), bin ich mir nicht sicher. Dafür wird mir bewusst, dass die Kreissäge auf der Baustelle gegenüber der Grund dafür ist, dass ich eine dreiviertel Stunde vor meinem Wecker wach bin. Meine Sachen sind leider immer noch feucht, aber nach 5 Minuten mit dem Fön sind sie soweit, dass ich sie anziehen kann; der Rest trocknet am Körper, ich muss ja noch nicht raus, sondern gehe erstmal zum Frühstück.

Als ich dann losfahre bin ich angenehm überrascht: Es tröpfelt nur ganz leicht vor sich hin, bei ca. 14 Grad. Ich trage die volle Regenmontur (Jacke, kurze Regenhose, Überschuhe) und bin ehrlich erleichtert: Ein bergisches Fisseln ist schon weit schlimmer, auf mir bleibt kaum Wasser liegen. Und alles andere (um die Dinge beim Namen zu nennen: Der Hintern) fühlt sich auch besser an, als erwartet. Sichtlich zufrieden radele ich über den Lech und zunächst durch topfebene Felder und vorbei an Gehöften, an denen es stark nach Schweinezucht riecht. Absolut gesehen ist dies nicht der bisher tollste Tag. Aber Zufriedenheit hängt eben auch stark von den Erwartungen ab.

Bin ich etwa im Emsland gelandet?


So komme ich zügig voran, bis ich plötzlich in Dachau bin. So langsam wäre es Zeit für das Mittagessen und ich finde einen netten Laden, der bayrische und österreichische Spezialitäten anbietet. So speziell ist es am Ende gar nicht, aber ich bekomme ein sehr ordentliches Schnitzel mit tollem Kartoffelsalat, eine Leberkässemmel, einen Mohnstriezel und einen Kaffee. Es kommt mir immer so vor, als wären die Leute überrascht davon, was ich alles esse; jedenfalls bietet man mir kein Minzplättchen mehr an.

Als ich den Laden verlasse, regnet es plötzlich ziemlich stark. Zwar ist Argos der Hund von uns beiden, aber im Moment erinnere ich mich selber an unseren alten Hund, den wir früher hatten, wie er in seinen letzten Jahren ungläubig/gequält schaute, wenn man ihn bei Sauwetter zum Spaziergang lud: "Da willst Du jetzt wirklich raus gehen??". Das Navi zeigt noch 80 km, zum mal eben durchbrennen zu viel. Es hilft nichts, ich fahre los und merke sofort, wie ich auskühle. Bei der nächsten Bushaltestelle ziehe ich die Armlinge drunter, und es wird fast gemütlich. Und nach ein paar weiteren Minuten wird der Regen schon schwächer.

Ich bin nun kurz vor München, und wenn ich das auf der Karte richtig gesehen habe, gehen Dachau und München fast direkt in einander über. Und München muss ich diagonal durchqueren. Und ich muss pinkeln. Jetzt oder nie, ich finde eine halbwegs ruhige Stichstraße und tue, was getan werden muss, während ich bete dass jetzt keiner vorbei kommt und ich mich an die Ausfluss-Formel nach Torricelli erinnere. Endlich bin ich fertig, wir reiten los, just als ein Auto die schmale Straße entlang kommt. Ich fühle mich wie ein echter Landstreicher und verspüre eine diebische Freude :)

Dann kommt das Ortseingangsschild von München - und direkt danach Wegweiser zu den Firmen MAN und MTU. Bei MAN gibt es nur Trucks & Busses, aber bei der MTU steht ein ziemlich großes Triebwerk in einem Container-großen Glaskasten. Argos ist sich zunächst zu fein, aber als ich ihm erkläre, dass das Gerät etwa 6 Größenordnungen mehr Leistung umsetzt, als er und ich zusammen, ist er doch einverstanden, sich damit ablichten zu lassen.






Dann geht's durch München, und zwar mitten durch. Gerade setzt der Feierabendverkehr ein, aber nachdem ich die letzten Tage hauptsächlich in der absoluten Provinz unterwegs war, gefällt mir das quirlige Stadtleben sehr gut - und es macht einen Heidenspaß, mit Argos im Stau an den Autos vorbei zu fahren :) Unterwegs gibt es noch eine Nussecke, und dann verlassen wir München in Richtung südost und kommen durch Neubiberg (@Christian H: JUSTINBIBERAX) und alle möglichen Orte, die auf Brunn enden. Irgendwann merke ich, dass meine Füße komplett nass sind, aber es ist nicht mehr weit und die letzten km haben wir Rückenwind, ich lasse mich von Argos tragen, der mit vollem Wind segelt.

Heute ist die letzte Nacht in Deutschland, morgen werden wir in Österreich sein, es geht über Kufstein, den Walchsee (Raphael, bist Du da nicht gerade im Urlaub?), Zell am See nach Fusch an der Großglocknerstraße - richtige Berge :) Es ist strammer Regen vorher gesagt, aber wenn dies so sein sollte, ist es ein relativ kurzer Tag (ca. 130 km) und hoffentlich auch der letzte richtige Regentag. Gute Nacht für heute.

Wer könnte daran vorbei gehen?





Schönheit hat viele Gesichter.

Dienstag, 28. Mai 2019

Tag 3: Durch Franken und Schwaben

Heute bin ich irgendwie mit dem falschen Fuß aufgestanden. War das Kopfkissen zu hoch? Hätte ich es bei dem Achtel belassen sollen und nicht noch ein Viertel von dem lokalen Rotwein nehmen sollen (gerade nach körperlicher Betätigung reagiere ich manchmal sehr empfindlich auf Alkohol)? Oder ist das etwa doch alles zu anstrengend? Den letzten Gedanken schiebe ich direkt beiseite und beschließe, dass ich einen Kater habe. Jedenfalls habe ich ein unangenehmes Ziehen im Nacken und eine unangenehme Ahnung von Kopfschmerz. Beim Frühstück versuche ich, dagegen anzuessen, was nur so halbwegs funktioniert. So fahre ich heute etwas gebremster los, als die Tage zuvor - zum Glück steht heute etwas weniger an. Immerhin ist die Umgebung wunderschön, es geht das Taubertal hinauf.

Lustige gefiederte Freunde :)



Aber irgendwie läuft es nicht so. Argos versucht alles, um meine Laune zu verbessern, rollt leicht und geschmeidig, schaltet präzise, lässt nur die Kette ganz leise und beruhigend klickern. Aber mit mir ist nicht viel los. Düster denke ich an Mark Beaumont, einen knochenharten Schotten, der den Weltrekord für die Weltumrundung mit dem Fahrrad hält (78 Tage). Ein wunder Hintern sei ja eigentlich bloß ein kosmetisches Problem, sagte er mal in einem Interview. Ich versuche mich zu trösten und denke an andere Radfahrerweisheiten. Katie Kookaburra, eine englische Langstreckenfahrerin meint, wenn es hart wird denke sie immer "It's only riding a bike.". Dann denke ich an etwas, was sie irgendwie alle sagen: Wenn Du Dich gut fühlst, werden Momente kommen in denen Du Dich schlechter fühlst. Und wenn Du Dich schlecht fühlst, kommen auch wieder Momente in denen Du Dich besser fühlst. Diese Aussage finde ich wirklich tröstlich, trifft sie doch nicht nur auf das Radfahren, sondern auf das ganze Leben zu. Ich warte also, dass es besser wird, aber ich bleibe undefiniert unwohl. Irgendwann zeigt der Tacho 68 km, als ich an einem Bäcker vorbei komme. Obwohl ich noch gar keinen Hunger habe, verputze ich eine Leberkässemmel, ein Schnitzelbrötchen, einen Berliner und gieße noch einen Kaffee hinterher - nach der fetttriefenden Käsepizza von gestern ist dies quasi was Leichtes.

Und siehe, plötzlich geht's wieder besser. Die Kopfschmerzen sind weg und der Rest nur noch halb so wild. Endlich beginne ich, die Fahrt zu genießen: Eine sanft gewellte Landschaft mit einzelnen kleinen Ortschaften, von denen einige wirklich sehr schön sind. Dinkelsbühl zum Beispiel. Am Ortseingangsschild rühmt man sich vollmundig mit der "schönsten Altstadt Deutschlands", wie angeblich mal der Focus geschrieben hat. Fakten, Fakten, Fakten... Ob die japanische Reisegruppe, die mir als erste über den Weg läuft, auch Focus liest? Es ist dann aber wirklich sehr schön. Besonders das Münster hat es mir angetan: Von außen recht trutzig, aber von innen sehr licht und elegant. Und der einbeinige heilige Aurelius, den sie ausliegen haben ist irgendwie auch ein Schmankerl: Bei einer Schändung im Jahre 2010 ist wohl sein linkes Bein abhanden gekommen... Trotzdem haben sie den Armen wieder tapfer in seinen gläsernen Sarg gelegt. Vor der Kirche setze ich mich in die Sonne, esse ein Eis und sehe dem Treiben auf dem belebten Platz zu.








Argos lehnt lässig am Münster und checkt die Lage
Als ich weiterfahre bin ich wirklich dankbar, dass ich die Fahrt endlich wieder genießen kann. Radfahren ist eine tolle Sache, besonders wenn der Kater vorüber ist. Vorsichtshalberbeschließe ich, heute Abend bei alkoholfreiem Weißbier zu bleiben. Irgendwann taucht ein merkwürdiger Hügel vor mir auf: Steil, unbewaldet und teils sogar felsig sieht er aus, als habe man einen Voralpengipfel hierher verfrachtet. Ist dies die fränkische Schweiz? Den Namen hätte dies jedenfalls verdient.

Als ich schließlich in Donauwörth ankomme, treffe ich Peter an der Pension (heute wieder kein Netzzelt, Regen ist angesagt). Er wandert den Donauradweg (zu Fuß) von Donaueschingen bis Passau. Wir verabreden uns zum Abendessen, wo wir uns über unsere Wehwehchen austauschen, und dass wir es trotzdem beide super finden, mal aus eigener Kraft unterwegs zu sein...

Der Blick auf den Wetterbericht für die nächsten drei Tage dämpft meine Euphorie gerade etwas, aber Mark Beaumont würde klatschnasse Klamotten wohl auch als kosmetisches Problem sehen, da will ich nicht die Prinzessin auf der Erbse spielen. Und außerdem machen die Kollegen Meteorologen ja auch nur CFD - es gibt Hoffnung. Gute Nacht für heute.