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Samstag, 25. Januar 2020

Tag 31: Von Verona über München nach Düsseldorf (mit der Bahn)

Nachdem es lange keinen neuen Eintrag mehr gab - der letzte ist vom 6. Juli 2019 (und er beschreibt den 23. Juni 2019...) - wird es langsam Zeit. Der Rückreisetag ist denn auch schnell erzählt:

Nach einer erholsamen Nacht machen sich meine lieben Gastgeber mit mir zusammen auf zum Bahnhof. Sie haben einen Ausflug nach Mailand geplant und ich - schluchz -  werde mit der Bahn über München zurück nach Düsseldorf fahren. Zum Trost nehmen wir vorher noch am Bahnhof ein top-italienisches Frühstück, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und so steige ich mit gemischten Gefühlen in den Zug, der mich aus diesem Land, dieser Reise, diesem liebgewonnenen Landstreicherleben zurück nach Hause bringen wird. 

Nicht genau so, aber ungefähr so sah es aus :)
Beim Einsteigen
Unterwegs versuche ich gar nicht, über irgendetwas nachzudenken, und schaue stattdessen aus dem Fenster. Schnell kommen die Berge und mit ihnen die deutsche Sprache. Aber der erste bewusste Eindruck, an den ich mich erinnere, ist dass es auch nördlich der Alpen ein strahlender Tag ist. Satt grün die Wiesen des Alpenvorlandes, strahlend blau der Himmel, leuchtend rot die Geranien auf den Balkonen der alpenländischen Häuser, und alles liebevoll gepflegt und schön anzusehen. "Dein Heimatland heißt Dich willkommen", denke ich bei mir, und freue mich. In München habe ich eine Stunde Zeit für den Umstieg, es ist Mittagszeit. Argos und ich verlassen den Bahnhof; wir wollen eine kleine Runde drehen, und wer weiß, vielleicht zeigt uns das Schicksal ja etwas Schönes? Am Ende gibt es neben einem Falafel-Dürüm und einem Stück Kuchen noch ein paar einzeln nicht benennbare, schöne Eindrücke des sommerlichen München, die mich mit einem guten Gefühl wieder zum Bahnhof zurück kehren lassen - auch in Deutschland ist es schön.

Die restliche Fahrt ist spektakulär unspektakulär: Wir reisen mit dem ICE 4 direkt nach Düsseldorf. Die Bahn hat einen guten Tag, alles läuft wie am Schnürchen und am frühen Abend (für südländische Begriffe) bin ich wieder zu Hause. Verrückt. "Erstmal was essen.", denke ich gewohnheitsgemäß, und nachdem ich den treuen Argos entladen habe, gehe ich zu meiner Lieblingspizzeria, wo ich meine Lieblingspizza esse.

Pizza Volcano. Für mich unter den Top 3 nördlich der Alpen.
Und so geht diese Reise zu Ende. Der Tacho sagt mir, dass ich 3565 km gefahren bin, und 35781 Höhenmeter. In 166 Stunden (also einen gemütlichen Schnitt von 21.5 km/h, falls es jemanden interessiert). Hohe Zahlen, aber doch sagen sie wenig aus über diese Reise. Wie kann ich es besser beschreiben? Kurz gesagt: Diese war die beste Reise meines Lebens. Das dachte ich schon bei der Pizza, und das denke ich immer noch. Diese Begegnungen, diese Eindrücke, diese mannigfaltigen Gefühle und Erfahrungen, und das gute Gefühl, dass es am Ende doch immer gut läuft... Es ist sicher schön, wenn man so etwas in Gesellschaft unternimmt, weil man Schönes gut teilen kann. Wenn man alleine reist, bleibt einem das verwehrt. Aber dafür gibt es andere Gefühle und Erfahrungen die man eben auch nur alleine machen kann. So vielschichtig meine Motivation zu dieser Reise war, so vielschichtig ist auch das Erfüllung daraus. Würde ich es noch einmal tun? Hell yeah!

In den ersten Tagen und Wochen nach unserer Rückkehr bin ich etwas hibbelig und denke ständig, dass doch etwas passieren müsse - unterwegs gab es so viele Eindrücke mehr als in meinem Alltag. Aber es ist eben Alltag und allmählich gewöhne ich mich wieder daran. Und nach rund einen Monat "in den Tag leben" bin ich wieder angekommen, gehe ins Büro, sehe Freunde, backe Brot, fahre Fahrrad und beschäftige mich mit meiner zweiten großen Leidenschaft, der "Bewertung des Verlustkennfeldes einer außen gewickelten Sammelspirale eines Radialverdichters"...

Ganz herzlichen Dank für das Mitlesen, Mitfiebern und die vielen lieben Nachrichten und Kommentare, die mich auf unterschiedlichen Wegen erreicht haben. Dank Euch war ich nie alleine unterwegs: Ihr habt mir Windschatten gegeben wenn ich ihn brauchte, bergauf auch mal angeschoben und vor allem konnte ich mit Euch die vielen schönen Momente teilen. Danke :)

2019 war also ein ziemlich gutes Fahrrad-Jahr - und nicht nur. 2020 wird hoffentlich ein ebenso gutes Fahrrad-Jahr - und nicht nur :) Offen gesagt, habe ich mir auch für dieses Jahr wieder etwas vorgenommen. Etwas anderes, aber ebenfalls sehr schönes (hoffentlich). Und weil mir das Schreiben viel Freude macht, werde ich wieder hier darüber berichten. Heute nicht mehr, denn es ist schon spät, aber beim nächsten Eintrag erzähle ich, was ich vor habe. Gute Nacht für heute.

Samstag, 6. Juli 2019

Tag 30: Von Venedig über Vicenza nach Verona

Die Nacht auf dem Schiff war prima - zum schlafen ist eine fensterlose Kabine doch bestens geeignet. Dementsprechend werde ich vom Wecker geweckt, den ich schnell abstelle, um meine Kabinengenossen nicht zu stören. Kurz denke ich daran zu duschen, verwerfe es aber in Anbetracht der engen Dusche mit Vorhang schnell wieder. Gestern war ja kein so anstrengender Tag... Also ziehe ich mir noch im Bett liegend, im Dunklen meine Fahrradsachen an, und verlasse schnell die Kabine. Das Schiff ist schon in der Lagune und fährt durch ein enges Fahrwasser in Richtung Mestre, bald werden wir da sein. Ohne viel darüber nachzudenken, bestelle ich an der Bar einen Cappuccino und einen Toast (Kochschinken-Käse - DER griechische Snack). Erst als ich an meinem etwas faden Kaffee nippe, wird mir bewusst, dass ich gleich in Italien sein werde - Italien, dem Land, wo man an jeder abgeranzten Provinztankstelle vorzüglichen Kaffee bekommt. Dann muss ich eben mehr Caffè trinken :) Schnell packe ich in der Kabine meine Sachen und dann legt das Schiff auch schon an. Ich bastele die Taschen wieder an Argos, der die Nacht mit den anderen Fahrrädern in einer Art Käfig im Bauch des Schiffes verbracht hat, und schon verlassen wir das Schiff - und betreten italienischen Boden.

Beim Verlassen des Schiffs

Ein letzter Blick auf die "Hellenic Spirit"
Allerdings sieht es hier erstmal nicht ganz so aus, wie wir italophilen Deutschen es uns gemeinhin romantisierend vorstellen: Der Hafen ist, nun ja, eben ein Hafen, und dahinter schließt sich direkt ein Industriegebiet an. "Ziemlich grün alles", ist mein erster Eindruck. Es sieht schon fast nicht mehr subtropisch aus. Sommerlich zwar, aber eher gemäßigt. Ich bin etwas enttäuscht, sehe ich doch das von mir so verehrte Italien gerade mit anderen Augen. "Na komm, Du bist in einem Industriegebiet.", sage ich mir, und creme mich bei der ersten Gelegenheit mit Sonnencreme ein. Dann geht es weiter, und siehe, Italien, was mich noch nie im Stich gelassen hat, zeigt mir wieder sein schönes Gesicht: Das Industriegebiet ist vorbei und es wird ländlich und grün, bis wir in den nächsten Ort kommen. Hier gibt es ein paar kleine Kanäle, ähnlich wie in Venedig, und plötzlich sehe ich vor einer Bar ein paar Rennräder. Das Schicksal lädt mich zu einem zweiten Frühstück ein - und ich nehme gerne an. Die Rennräder gehören ein paar älteren Herren, die ihre sonntägliche Ausfahrt mit einem Caffè und ein paar Brioche (meist gefüllte Croissants) krönen. Ich hoffe inständig auf Tramezzini - sehr dünne, sehr weiße, nicht geröstete Toastbrotscheiben ohne Rand, die es mit verschiedenen Belägen / Füllungen gibt. Eigentlich geht es nur um den Belag, und das "Brot" ist nur da, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen. Ich liebe Tramezzini, weil sie seit jeher jeglicher wohlmeinenden Gesundheits- und Ernährungshysterie trotzen (pures Weizenmehl, die Füllung manchmal etwas fettig) - und einfach unglaublich lecker schmecken :) Und wieder einmal meint Italien es gut mit mir: Es gibt Tramezzini und sie schmecken köstlich.

Die mutmaßlichen Sieger der Giri d'Italia 1979 - 1982 beim Frühstück

Eine ungewöhnliche Bauform, aber es sind Tramezzini (mit Kochschinken und Pilzen bzw. Thunfisch)
Als ich weiterfahre, wird mir bewusst, wie unglaublich viele Rennradler mir entgegen kommen. Vielleicht ist dieser Sport in Italien noch populärer als in Deutschland? Jedenfalls macht es ziemlich Laune, viele Gleichgesinnte zu treffen. Die allermeisten sind schon ältere Semester und gehen es nicht besonders verbissen an. Aber zu sehen, wie sie am Sonntagmorgen mit ihren alten Schätzchen unterwegs sind, einfach weil sie es schon seit Jahrzehnten so tun, bereitet mir Freude. Die Landschaft sieht zum Teil immer noch ein bisschen aus wie das Münsterland, aber dort ist es ja bekanntermaßen auch schon fast etwas italienisch ;)

Das ist nicht der Emsradweg...

...und dies ist nicht die Ems.


Kurz hinter Padua (weit sind wir also noch nicht gekommen), fällt mir in einem Ort eine sehr schöne Pasticceria (eine Konditorei) auf. Ob das Schicksal möchte, dass ich ein drittes Frühstück nehme? Ich überschlage kurz meinem Kalorienbilanz der letzten Wochen und komme zu dem Ergebnis, dass vermutlich keine akute Gefahr für Übergewicht besteht. Na dann... :) Ich entscheide mich für ein vorzügliches Blätterteigteilchen mit einer Füllung aus Pistaziencreme - köstlich. Vor lauter Begeisterung teile ich das Erlebnis per Whatsapp mit meinem Freund Jan, der das Glück hat, mit Dani, einer echten Italienerin verheiratet zu sein. "Du solltest noch ein Eis nehmen!", schreibt er mir umgehend zurück. Er hat Recht, und tatsächlich gibt es sogar Eis. "Man soll die Feste feiern wie sie fallen.", denke ich, und esse noch ein Pistazieneis, mit vielen kleinen Stücken echter Pistazien. Hmmm :)



Nun geht es weiter in Richtung Vicenza. Es liegt auf unserem Weg nach Verona, und da ich bisher noch nie dort war, möchte ich einen kleinen Zwischenstopp machen. Als wir ankommen ist es Mittagszeit, und weil heute auch noch Sonntag ist, flanieren in der Stadt schon einige Menschen. Mein erster Eindruck von Vicenza ist positiv: Wie in der überwiegenden Mehrzahl der Städte Norditaliens ist der Stadtkern auch hier wunderschön, mit vielen vielen Renaissance-Bauten. Auf Wikipedia lese ich, dass Vicenza eine der reichsten Städte Italiens sei - klingt glaubwürdig. Mein zweiter Eindruck ist sehr positiv: Es sind kaum Touristen unterwegs. Eigentlich klar: die meisten zieht es ins nah gelegene Venedig, einige ins benachbarte Padua, und viele nach Verona. Ich selbst bin ja auch zum ersten Mal hier. Und es lohnt sich. Ich binde Argos gegenüber einer Bar an und mache einen kleinen Spaziergang. Auf dem zentralen Platz, der Piazza dei Signori, gibt es eine nette Veranstaltung für Kinder und ich schaue kurz zu, wie ein paar Bambini mit Tretautos um die Wette fahren. Dann lasse ich mich durch die Gassen treiben, besuche eine Kirche und finde einen interessanten Laden mit ausgefallenen Panini. Irgendwann nehme ich noch ein Eis, aber dann erinnere ich ich an den treuen Argos, der immer noch auf mich wartet - Zeit wieder weiter zu fahren.


Kurz vor Vicenza: Im Hintergrund die Alpen




Automobile Schönheiten gehören in Italien einfach dazu - leider noch verhüllt







Tolle Panini. Und natürlich ist es keine Cola sondern Chinotto - Bitterorangenlimonade


Vicenza liegt fast auf halbem Weg nach Verona, aber ab jetzt fühlt es sich so an, als ob wir schon fast da wären. Ob das daran liegt, dass ich nun nicht mehr alle 15 km eine Essenspause mache? Egal. Die Landschaft wird allmählich hügelig und die Felder gehen immer mehr in Weinberge über, während die Nachmittagssonne alles mit ihrem weichen, goldenen Licht begießt. Es ist wunderschön, und ich werde etwas wehmütig, als mir bewusst wird, dass diese die letzten Kilometer dieser langen Reise auf Argos sein werden. Als ich daran denke was vor mir liegt, daran dass ich morgen Abend voraussichtlich zu Hause sein werde, erscheint es mir fast unwirklich. Wenn ich aber zurück denke, an die Tage, ja Wochen im Sattel, erscheint mir auch das unwirklich. "Vielleicht ist es manchmal das beste im Hier und Jetzt zu bleiben.", denke ich mir, und genieße die Umgebung. Fruchtbares, liebliches Land wechselt sich mit kleinen, namenlosen aber sehr schönen Örtchen ab.





Als ich schon in den Außenbezirken von Verona bin, nehme ich in einer Pasticceria noch einen letzten Caffè und ein ganz köstliches Mandelgebäck, bevor ich bei Tobias, Barbara und Paula ankomme. Tobias und ich sind Kollegen, und zufällig verbringen die drei gerade ein paar Tage hier. Als uns vor der Abreise bewusst wurde, dass wir an diesem Tag zusammen in Verona sein würden, haben sie mich sofort eingeladen, in ihrer Ferienwohnung zu übernachten - sehr nett :) Inzwischen ist es auch schon wieder ein paar Tag her, dass ich meine Eltern gesehen habe, und es ist schön, ein paar Gesichter aus der Heimat zu sehen. Paula sehe ich allerdings zum ersten Mal - sie ist erst ein halbes Jahr alt: Ein robustes, gut gelauntes Baby, was lacht wenn man es kitzelt, Grimassen schneidet, oder es anlacht :) Abends machen wir einen kleinen Spaziergang durch die Stadt. Verona ist wesentlich voller als Vicenza, aber auch sehr schön. Wir finden ein nettes Restaurant, in dem es reichlich Pferd und Esel auf der Karte gibt. Ich erinnere mich daran, dass in dieser Gegend viel Pferd gegessen wird... Diesmal beschränken wir es aber auf ein Minimum: Lediglich eine Eselsalami als Vorspeise, ansonsten kommt kein Pferd auf die Teller - und es schmeckt trotzdem. Als wir wieder zu Hause sind, bin ich ziemlich müde. Als Paula noch einmal aufwacht, bekomme ich es kaum mit - und bewundere dann Tobi und Barbara, die sicherlich auch müde sind, aber sich natürlich um ihre Tochter kümmern. Ob junge Eltern irgendwelche besonderen Hormone haben, die sie irgendwie aufputschen? Ich wünsche es den beiden, wie ich schlaftrunken in meinem Bettchen liege.

Morgen früh gegen 9 Uhr werden wir gemeinsam vom Bahnhof abfahren. Die drei nach Mailand und ich über München nach Düsseldorf. Es ist eine ziemlich gute Verbindung (weniger als 12 Stunden), aber Argos und ich sind längere Stand- bzw. Sitzzeiten nicht mehr gewohnt. Mal sehen, wie es wird. Gute Nacht für heute.

Mit Tobias, Barbara und Paula in Verona

Sonntag, 2. Juni 2019

Tag 8: Von Triest durch Slowenien nach Senj (Kroatien)

Mein Zimmer ist heute erstaunlich dunkel: Als der Wecker klingelt, schlafe ich noch tief und brauche wieder einen Moment, um mich zu orientieren. In Erinnerung der schweren Beine vom Vorabend, stehe ich vorsichtig auf. Beim Frühstück überlege ich, was ich machen soll. 155 km stünden heute an, mit schon einigen hm. Durch Slowenien nach Kroatien. Raus aus Italien. Sollte ich einen Ruhetag einlegen? Ich suche mit dem Handy nach Unterkünften, Triest ist offenbar inzwischen doch beliebter geworden. So richtig toll ist das alles nicht. Irgendwann bricht die WLAN-Verbindung ab. Das ist ein Zeichen: Ich soll weiterfahren. Eigentlich fühlen sich die Beine besser an, als befürchtet. Ich möchte einfach nicht aus Triest, aus Italien weg. Es war mir noch zu kurz, ich würde gerne länger hier bleiben. Auch hier ist das (Rad)Reisen wieder eine Parabel auf das Leben: Manchmal muss man sich von etwas lieb gewonnenem lösen und nach vorne blicken: Auch die kommenden Länder werden ihre Reize haben. Ich packe meine Sachen, hole Argos aus seinem Nachtlager, nehme noch einen (vorerst) letzten Cappuccino, und dann sind wir wieder unterwegs.

Aus Triest raus geht es erstmal ziemlich steil bergauf. Schnell werden die Häuser kleiner und flacher, bis die Bebauung tatsächlich einen dörflichen Charakter bekommt. Bis ich auf einem gegenüberliegenden Hügel ein Gebäude wie aus einem Endzeitfilm sehe: Ein riesiges Wohnhaus, ein Betonklotz, mit reichlich verwitterter Fassade. Ein trauriger Anblick und starker Kontrast zu den prächtigen Palazzi unten in der Stadt - jedes Land hat auch seine Schattenseiten.

Licht...

... und Schatten.
Hinter Triest kommt auch schon schnell die Grenze. Allerdings merkt man nichts davon, Schengen sei Dank. Ich mache schnell das obligatorische Foto und weiter geht's. Die Straße ist gesäumt von Bäumen, rings ist alles grün, die Häuser sehen genau so aus, wie in Italien. Mir kommen mehr Radler als Autos entgegen, und meinen gewunkenen Gruß erwidern die allermeisten mit "ciao". Offenbar die Hausstrecke der Triesteser. Ist aber auch wirklich schön. Gewissermaßen fahre ich jetzt durch den Anschluss der Halbinsel Istrien. Die Straße wellt sich durch eine grüne Landschaft, und bei den Abfahrten wird mur wieder bewusst, warum man sagt, dass das Radfahren dem Menschen ein Gefühl vom Fliegen vermittele. An einer Kreuzung biege ich ab und sehe in ein paar hundert Meter Entfernung eine andere Radfahrerin vor mir. "Na warte, Dich habe ich gleich!", denke ich. Ed dauert aber doch ganz schön lange, bis ich halbwegs an ihr dran bin. Sie fährt ein Crossbike (in den 90ern wäre es als leichteres Mountainbike durchgegangen), in aufrechter Haltung. Ihre Trittfrequenz ist mindestens 20% niedriger, als meine. "Das muss doch ein E-Bike sein.", denke ich. An den Anstiegen vergrößert sich unser Abstand wieder. Während ich versuche, mit (halbwegs) konstanter Leistung zu fahren, macht sie stumpf konstanze Geschwindigkeit. Sie schaltet kaum, sondern geht nur kurz aus dem Sattel, wenn es ihr zu arg wird. Ich muss an einen Schiffsdiesel denken, Zweitakter. An ihrem Fahrrad, kann ich nirgendwo einen Akku oder Motor erkennen. Die Dame wird mir unheimlich. Anstatt sie mir weiter zurecht zu legen, beschließe ich, einfach hinter ihr zu bleiben. Nichts ist peinlicher, als zu überholen und am ersten Anstieg einzubrechen. Nach einigen Kilometern verlangsamt sie doch ihr Tempo. Nun muss ich vorbei, sonst denkt sie noch ich wolle sie ärgern. Ich bleibe kurz auf ihrer Höhe. "Hi." - "Bonjour.", antwortet sie. "Good pace." lächle ich sie an, und bereue es sofort: Wer bin ich, ihr zu sagen wie sie fährt? Aber sie hat es mir nicht übel genommen: "Thank you." kommt freundlich zurück, und ich gebe Argos die Sporen, während sie sich (vermutlich aus Höflichkeit), zurück fallen lässt.

Ach Italien, muss ich schon gehen?



Die fliegende Slowenin
Bald kommt auch schon die Grenze. Aus irgendwelchen Gründen gilt zwischen Slowenien und Kroatien das Schengener Abkommen nicht, so dass es Kontrollen gibt - und mitunter sogar Schlangen. Ist wohl eher eine Formsache, denn niemand sieht sich meinen Ausweis an. In Kroatien bekomme ich langsam Hunger. Bei der nächstbesten Konoba (Restaurant?) kehre ich ein. Ich entscheide mich für eine Tagliata und ein Dessert, dessen Name mich irgendwie an Palatschinken erinnert. Dazu eine Apfelschorle und ein Kaffee. Dafür muss ich ca. 13 Euro bezahlen. Es war kein touristischer Laden, aber mir wird bewusst, was für ein günstiges Urlaubsland Kroatien ist. Und mit einer vielseitigen Küche, mit italienische und KuK Einflüssen.

Ein Anblick, den man als EU-Bürger nicht mehr gewohnt ist


Tagliata di Manzo (Roastbeefstreifen auf Rucola)

Tatsächlich ein Palatschinken - die kroatische Küche bietet das Beste aus verschiedenen Welten
 Bald komme ich nach Rijeka. Ich fahre nur durch, aber fühle mich etwas an Genua erinnert: Eine Hafenstadt mit z.T. rauheren Außenvierteln und einer tollen Innenstadt. Hinter Rijeka fahre ich die Küstenstraße entlang. Die Landschaft wird nun immer mediterraner, es ist sommerlich warm, ales sehr angenehm. Zur Feier des Tages gönne ich mir an einer Tankstelle ein Eis am Stiel (eine kroatische Marke - sehr lecker) und bald bin ich schon in Senj. Für die Nacht ist kein Regen vorhergesagt, es gibt einen schönen Campingplatz direkt am Meer - endlich wieder zelten. Zum Abendessen gibt es eine feine Dorade und ein Glas lokalen weißen Malvasia (in Deutschland habe ich von der Rebsorte noch nie gehört, aber geschmack- und namentlich erinnert er stark an den Malagousia, den ich aus Griechenland kenne ;) ). Morgen geht es in einen Ort namens Benkovac, nicht direkt an der Küste und kaum touristisch - bei Booking ist dort keine Unterkunft gelistet. Mal sehen :) Gute Nacht für heute.






Samstag, 1. Juni 2019

Tag 7: Über den Plöckenpass durch Friaul-Julisch Venetien nach Triest

Heute werde ich von der Sonne geweckt – um 6 Uhr. Obwohl ich nicht wach werden will, werde ich fast etwas hektisch, während ich nach meiner Schlafmaske suche. Als ich sie gefunden habe, bekomme ich nochmal 2 Stunden Schlaf, bis mich der Wecker um 8 Uhr endgültig weckt. Die Schlafmaske ist super.

Als ich zum Frühstück gehe, sehe ich vor dem Eingang ein wirklich spezielles Vehikel: Ein Faltrad mit Rennlenker, Kettenschaltung (105, eine Rennradgruppe), Rennradreifen in geschätzten 24 Zoll und gefederter Schwinge. Drinnen sehe ich dann den Fahrer: Ein Japaner, geschätzt Ende 50, der offenbar von Tokio samt Radl nach Europa geflogen, und alleine von Kroatien nach Österreich gefahren ist. Nun möchte er zurück nach Venedig, von wo er nach Dubai fliegen wird… Wie alle Japaner, die ich bisher erlebt habe, ist er bescheiden und von ruhiger Höflichkeit. Zusammen mit unseren quirligen, immer gut gelaunten Gastgebern geben alle ein schönes Bild ab. Ich unterhalte mich noch mit ein paar italienischen Radreisenden und dem Chef. Letzterer kommt aus Neapel und ist erst seit November in Österreich. Als ich ihn frage, wie es ihm gefalle antwortet er „Wenn die Sonne scheint, ist es gut hier.“ und lacht etwas spitzbübischer als sonst.

Argos Vorderrad wird gerichtet

Ein besonderes Rennrad

Direkt am Ortsausgang beginnt der Plöckenpass. Nur ca. 600 hm, durch schöne grüne Wälder unter blauem Himmel mit ein paar schneebedeckten Gipfeln als Kulisse. Ich werde wirklich gut entschädigt für das buchstäbliche Stochern im Nebel von gestern. Unterwegs werde ich von zwei anderen Rennradlern überholt: Alter Schwede, sie sind die Archetypen eines Radsportlers: Nicht zu groß, geschätzte 1.6 % Körperfett, jede Faser der Beinmuskulatur ist durch die gut gebräunte, eladtische Lederhaut zu erkennen… Argos und ich sehen ihnen mit echter Bewunderung nach. Das sind nicht solche Tölpel wie die beiden Triathleten von Tag 2.





Die sind fit



Direkt im Joch: Ein genialer Platz für ein Windrad


Die Grenze verläuft direkt über das Joch – wir sind in Italien :) Ich bin fast etwas wehmütig. Ein Grenzübertritt ist auch immer ein neuer Abschnitt – und das Ende eines vorherigen. Ich blicke zurück nach Österreich: Hier fühle ich mich immer willkommen, die Österreicher geben mir nie das Gefühl, ein Fremder zu sein. Ob das daran liegt, dass ich mich hier fast immer in den Bergen bewege? Egal, ich mag Österreich einfach. Ich blicke wieder nach vorne, nach Italien: Für dieses Land habe ich eine unerklärliche Schwäche. Das Temperament, der Sinn für Schönes, die Sprache… Es ist alles, und ich bedaure, dass ich zunächst nur einen Abend hier haben werde. Aber ich freue mich.

In einem der nächsten Orte nehme ich einen Caffè in einer Bar. Als ich bezahle komme ich mit Fabrizio ins Gespräch, einem Scherenschleifer. Wir sprechen zuerst über Sprachen, bis er mich irgendwann fragt, was ich beruflich mache. „Sono ingegnere“, sage ich. Ehrfurchtsvoll blickt er mich an, dass es mir direkt etwas unangenehm ist. Währendman in Deutschland zuweilen für einen Schlosser mit Abendschule gehalten wird, ist Ingenieur in Italien eine große Sache. Wir verabschieden uns mit Handschlag und wünschen uns alles Gute als ich weiter fahre.



In Tolmezzo esse ich zu Mittag – eine vorzügliche Pizza – und plötzlich fällt mir auf, dass es schon fast 15 Uhr ist. Und ich habe noch knapp 100 km vor mir. Jetzt aber Schluss mit den ständigen Pausen, Head down and hammer! Es geht ständig leicht bergab, ich liege in en Aerobars und wir fliegen Triest entgegen. Vorbei an Gemona, Udine, Clauiano – alles Orte, die mich an die Tour vor 2 Jahren mit Reinhold erinnern. Ich würde gerne anhalten und mich etwas umsehen, aber bin streng mit mir selbst, weil ich nicht zu spät ankommen möchte. Irgendwann schaue ich nach rechts und sehe zum ersten Mal das Meer. Ein erhabener Moment – ich bin mit dem Fahrrad zum Mittelmeer gefahren – von Zuhause – verrückt. Hat ja auch lange genug gedauert, den 7. Tag bin ich nun unterwegs. Eigentlich ist das Radeln eine ziemlich ehrliche Form des Reisens, es „beamt“ einen nicht einfach in eine andere Welt, was mich manchmal überfordert. Und es gibt einem ein gutes Gefühl, was Entfernung wirklich bedeutet: Wie viele Sprachen, wie viele Dialekte werden zwischen zwei Orten gesprochen? Es liegt mehr dazwischen, als die bloße Zahl der Kilometer, die mit zunehmender Reisegeschwindigkeit immer abstrakter wird.

In Triest gehe ich in das Restaurant, was mir der Herr an der Rezeption empfohlen hat. Er machte im Gespräch einen guten Eindruck auf mich, und seine Empfehlung war schließlich auch gut. Ich nehme das volle Programm: Antipasto, Primo, Secondo, Dolce, Caffè. Dann mache ich einen Spaziergang und schreibe bei einem Negroni diese Zeilen.

Heute habe ich es vielleicht etwas übertrieben: Meine Oberschenkel fühlen sich anders an, als die letzten Tage. Die Straße nach Triest ist eine Rennbahn, das war auch mit Reinhold schon so. Hoffentlich wird der Muskelkater nicht so schlimm. Schlimmstenfalls gibt's einen Ruhetag :) Ansonsten geht es morgen nach Senj (Kroatien).
Gute Nacht für heute.








Der erste Blick auf das Meer

Ist das nicht ein Traum? Da muss man doch die Schenkel glühen lassen :)




Immer eine gute Gesellschaft: Signor Negroni. Prost Reinhold :)