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Freitag, 7. Juni 2019

Tag 13: Von Slano (Kroatien) nach Bar (Montenegro)

Kurz bevor der Wecker klingelt, wache ich auf. Ich bilde mir ein, dass von alleine aufwachen gesünder ist, als vom Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, und bin zufrieden. Da ja heute möglicherweise noch die 30 km von gestern dazu kommen, packe ich alles schnell zusammen. Frühstück gibts von der örtlichen Pekara (Bäckerei - wenn das mal nicht aus KuK-Zeiten hängen geblieben ist). Jetzt nur noch schnell Argos vordere Bremsbeläge tauschen und weiter. Ich finde eine Art Brunnen, wo ich Argos behilfsmäßig aufbocken kann und fange an. Da kommt ein Typ Mitte 20 auf einem Mountainbike angefahren und fragt, ob er mein Multitool benutzen könne - klar. Wir kommen ins Gespräch: Peter fährt ebenfalls gerne Fahrrad und ist ziemlich begeistert, als ich ihm von diesen Ferien erzähle. Er möchte auch gerne eine größere Fahrt machen - ca. 170 km in einen Ort nach Bosnien und am nächsten Tag wieder zurück. Ich ermutige ihn und erkläre, dass er, wenn er immer etwas langsamer fährt, als er eigentlich könnte, den ganzen Tag fahren kann. Irgendwann verabschieden wir uns, und ich mache Argos Bremse fertig. Jetzt ist es doch wieder später, als gehofft, aber es war ein nettes Gespräch.


Da ist nicht mehr viel dran - es war höchste Zeit.
Endlich sind wir wieder auf der Küstenstraße in Richtung Süden. Das nächste Zwischenziel ist Dubrovnik, wobei ich mir noch gar nicht sicher bin, was ich machen werde. Einen Pausentag im märchenhaft schönen Dubrovnik? Oder doch weiter nach Bar? Ich überlege mir, kurz ein Ründchen durch Dubrovnik zu drehen und dann zu entscheiden. Jetzt erstmal die Küstenstraße dran. Es ist traumhaft, die Atmosphäre ist glasklar, dass das Licht super intensiv ist und alle Farben zum Leuchten bringt: Rechts das tiefblaue Meer, oben der Himmel und links die vielen unterschiedlich Grüntöne, die auch noch zu schillern scheinen, weil ein kräftiger Wind geht. Der kommt zwar meist von vorne, aber es ist dennoch ein Genuss.




Schon nähern wir und Dubrovnik. An der Straße gibt es schon ständig Werbung für Luxushotels und Restaurants in der Altstadt. Na es ist halt eine bekannte Stadt, denke ich. Von Norden kommend, passiert man zunächst den Hafen. Ich zähle vier Kreuzfahrtschiffe, und mache mir noch kein Bild davon, was das bedeutet. Allerdings ist schon der Weg in die Altstadt ein Omen: Die Straßen sind voll, und offenbar ist das der Normalzustand: Neben den Ampeln gibt es Uhren, die die Sekunden bis zur nächsten Grünphase herunterzählen, und am Altstadttor gibt es zwei Verkehrspolizisten, die dagegen arbeiten, dass Taxi-, Bus- und Autofahrer sich an die Gurgel gehen. An diesem Platz steige ich ab und bin sofort etwas benommen. Argos geht es auch nicht viel besser. Bis hierher fand er es prima, lässig an den Autos im Stau vorbei zu kurven, aber in Menschenmengen fühlt er sich nicht wohl. Ich klopfe ihm aufmunternd auf den Sattel: "Da müssen wir jetzt durch, alter Junge.". Die eigentliche Altstadt ist eigentlich gar nicht so groß, und von einer Mauer umgeben. Wir reihen uns in eine bunte Schlange ein und betreten die Stadt durch das Tor. Ich bin direkt überwältigt: Obwohl wesentlich kleiner, kann es Dubrovnik hinsichtlich Schönheit locker mit den beiden großen Damen Florenz und Venedig aufnehmen. Leider steht es auch ihnen auch bei der Besucherfülle in nichts nach. Und während man in Venedig, wenn es einem zuviel wird, einfach in eine dunkle Calle abbiegt und dort seine Ruhe hat, ist in Dubrovnik jeder Winkel mit Menschen aus aller Herren Länder ausgefüllt. Argos und ich machen, wie vereinbart, unsere Runde - die meiste Zeit im Windschatten eines Typen mit Hubwagen. Noch bevor wir fertig sind ist klar: Wir fahren weiter. So schön es auch ist - einfach zu viel Trubel. Ich nehme noch einen Kaffee und ein Stück Kuchen, während Argos ungeduldig wartet, und dann geht es weiter.



Besser man legt sich nicht mit einer Dame an




Argos vibriert vor Tatendrang (deshalb ist er auch unscharf)


Die Altstadt aus sicherer Entfernung

Nachdem wir die Stadt verlassen haben, biegen wir bald von der Küstenstraße landeinwärts ab. Das Panorama ist etwas weniger spektakulär, aber dafür haben wir die Straße praktisch für uns. Sie führt vorbei an zahllosen Weinbergen und -Gütern, wo man überall auch probieren und mitnehmen könnte. Ich nehme mir vor, nochmal wieder zu kommen. Irgendwie scheint mir dieser südliche Teil von Kroatien anders, als der Norden: Es sind einfach viel weniger deutsche, holländische und englische Touristen unterwegs. Es ist ja auch schon ganz schön weit.

Dann kommt auch schon bald die Grenze - zu Montenegro. Allein der Name dieses geheimnisvollen Landes versprüht Glamour - für mich zumindest. Ich war noch nie hier u d bin dementsprechend positiv aufgeregt. An der Grenze gibt es sogar eine kleine Schlange, und ich nutze die Gelegenheit, mir die Herkunftsländer der Grenzüberquerer anzusehen: Ein paar holländische Motorradfahrer, ein Österreichisches Auto und der Rest aus Kroatien, Bosnien und natürlich Montenegro selbst. Hierher verirren sich nur noch ganz wenige. Als ich dran bin, besieht sich der Grenzbeamte kurz meinen Ausweis. Dann schaut er auf Argos hinab, setzt ein strenges Gesicht auf und fragt auf Deutsch: "Fahrzeugschein?" - "Hab ich leider vergessen.". Die Antwort kommt mir noch aus Schulzeiten flüssig über die Lippen. Wir lachen beide und er lässt mich fahren.

Hinter der Grenze kommt direkt Herceg Novi, ein wirklich schöner Ferienort. Irgendwie kommt mir aber doch alles viel weniger touristisch vor, als in Kroatien. Irgendwann wird mir bewusst, woran es liegt: Es gibt hier kaum mitteleuropäische Touristen, die allermeisten sprechen slawische Sprachen - und weil ich die nicht außeinander halten kann, nehme ich sie gar nicht als Touristen wahr. Irgendwann bildet sich bei den Autos ein Stau. Etwas umständlich kurven Argos und ich um die Autos umher, als plötzlich zwei Rennradler links vorbeirauschen. Richtige Rennradler, mit Trikots, Klickpedalen usw. Der erste ist schon ein ganzes Stück weiter, aber an die zweite komme ich noch heran - bei Gegenverkehr ist sie etwas vorsichtiger als er, was mir immer noch ziemlich forsch erscheint. Sie ist wirklich fit, auf ihrem Trikot steht etwas von Ironman und ihre gebräunten, definiert muskulösen Waden lassen es sehr glaubhaft erscheinen. Als es irgendwann nicht weiter geht, frage ich sie stumpf: "Sorry, where are you guys from?" - "We are from here.", antwortet sie. "And you do roadcycling! So cool!". Sie lacht und brettert wieder los. Ich bin erleichtert, dass ich nach ein paar Kilometern auf die Fähre über den Fjord muss - die beiden sind stramm unterwegs. Auf der Fähre treffe ich dann direkt wieder zwei Rennradler - diesmal aus Deutschland. Sie sind geschätzt um die 50 und fahren von München nach Athen. Als ich frage, ob sie noch etwas Zeit in Athen zum entspannen hätten, antworten sie "Ja, einen Tag.". Dann geht der Flieger. Schön, dass ich nicht der einzige Verrückte bin, denke ich mir. Übrigens haben die beiden kaum Taschen an ihren Rädern, sondern tragen beide ziemlich klobige Rucksäcke - bei dem Anblick tut mir direkt wieder der Hintern weh.

Weinbau in Kroatiens Süden


Die Altstadt von Herceg Novi



Dicht aber gut gebaut




Sie schläft auf dem weichen Teppich auf den Stufen des Hotels. Die allermeisten Hunde sind doch so lieb :)

Die letzten 70 km geht es überwiegend wieder Küstenstraße entlang. Obwohl Westeuropa es, außer für Kreuzfahrten, noch kaum entdeckt hat, scheint Montenegro touristisch zu boomen. Überall werden neue Hotels gebaut und es gibt durchaus architektonisch anspruchsvolle Gebäude. Der halbe Balkan tummelt sich hier, und natürlich einige Russen. Sogar ein paar türkische Autos habe ich gesehen. Der Eindruck, dass sich aber kaum Westeuropäer hierhin verirren verfestigt sich - und das, obwohl Montenegro als Währung den Euro nutzt - und wirklich wunderschön ist. Das Hinterland soll auch sehr schön sein, aber ich bin froh, nach dem gestrigen Tag durch die bosnische Hochebene endlich wieder entlang der Küste zu fahren.

Bar, mein Zielort für heute, ist eher eine Hafen- als eine Touristenstadt. Da es ein langer Tag war, ich kein Internet zum suchen einer Unterkunft habe, und die gestrige Bleibe relativ teuer und ungemütlich war (ich musste kalt duschen), beschließe ich, mir ein seelenloses 4 - Sterne Hotel zu gönnen. Auch mal ganz angenehm, und in Montenegro bezahlbar :) Zum Abendessen versuche ich doch wieder ein winziges Fläschchen (187 ml, komisches Maß) lokalen Rotwein. Ich kenne die Rebsorte natürlich nicht, aber er ist sehr dunkel, hat 14 % und duftet nach allem, wonach ein guter Rotwein für mich duften soll - Montenegro ist ein sehr interessantes Land, was Lust auf mehr macht (wie Bosnien und Kroatien übrigens auch).

Morgen geht es allerdings weiter nach Albanien. So Gott will, werde ich morgen Abend in Tirana sein. Da bin ich wirklich gespannt: Wieder eine andere Währung und eine eigene, nicht slawische Sprache (ich habe ja gelernt, dass sie in Kroatien, Bosnien und Montenegro praktisch das Gleiche sprechen). Gute Nacht für heute.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Tag 12: Von Mostar (Bosnien und Herzegowina) nach Slano (Kroatien)

Heute klingelt der Wecker erst etwas später, weil es gestern Abend auch etwas später war. Die Nacht war recht kurz, aber doch erholsam. Und zum Glück ist die Nachmittagsmüdigkeit auf dem Fahrrad kaum zu spüren (ganz anders als am Schreibtisch). Ich mache mich also schnell fertig - ich möchte ja auch noch ein Ründchen durch Mostar bei Tageslicht drehen.

Die Touristenfluten sind bereits da - busweise werden sie durch die Altstadtgassen zur Brücke geführt. Dorthin gehe ich auch nochmal. Ich hatte mal irgendwo gelesen, dass die Klippenspringer von der Brücke springen. Und tatsächlich steht oben ein Typ in Badehose, turnt hinter dem Geländer herum und genießt offenkundig die Aufmerksamkeit, die ihm alle in Sichtweite entgegen bringen. Ich warte 5 Minuten, bis mir bewusst wird, dass es auch noch 2 Stunden dauern kann, bis er wirklich springt. Vielleicht geht auch jemand mit dem Hut herum und er springt nicht. ehe 200 Bosnische Mark zusammen gekommen sind? Argos und ich gehen weiter. Plötzlich sehen wir vor einem Bäcker ein Gravelbike (ein robusteres Rennrad mit dicken Reifen für kleine Crossausflüge) mit kompletter Bikepacking-Bepackung. Es gehört Simon, der gerade für 3 Wochen in Bosnien, Kroatien und Montenegro unterwegs ist. Simon ist Engländer und spricht ein geschliffenes Oxford-English. Sehr angenehm. Seine nächste Station ist Sarajevo. Sicher auch interessant, aber leider nicht auf meinem Weg. Wir nehmen uns beide vor, nochmal nach Mostar zu kommen und dann etwas mehr Zeit zu haben und verabschieden uns.

Da würde ich auch nicht mal eben herunterspringen


Argos beschnuppert einen Artgenossen

Was das wohl für ein Gebäude ist
Für mich ist es inzwischen auch höchste Zeit. Es stehen zwar nur gut 140 km auf dem Soll, aber es ist auch schon spät genug. Wir verlassen die Stadt entlang des Flusses, auf einem Radweg. Zwischenzeitlich stutze ich etwas, als 3 km davon nicht asphaltiert sind. Mein Routenplaner sollte eigentlich nur befestigte Straßen mit einplanen, aber ich denke mir noch nichts dabei. Nach rund 40 km nehme ich bei einem Bäcker ein zweites Frühstück und weiter geht's. Langsam kommen die Berge, worüber ich eigentlich ganz froh bin. Diese Fahrerei auf topfebenen Radwegen finde ich immer schnell etwas langweilig. Allerdings fällt mir irgendwann auf, dass das Navi meint, wir wären nicht auf dem richtigen Weg. Dabei habe ich gar keine Abzweigung gesehen. Ich werde etwas unruhig und schaue auf meinem Handy nach de Weg. Eigentlich sieht alles gut aus, also weiter. Hinterher verstehe ich, dass die OpenStreetMaps in Bosnien offenbar nicht ganz up to date sind und der Weg, den mein Navi wollte, noch gar nicht existiert. Inzwischen sind wir gut geklettert und fahren auf einer alten Bahntrasse oberhalb einer Hochebene. Eigentlich ganz nett, aber auch etwas eintönig. Der Straßenbelag ist ziemlich rumpelig und es ist wirklich nichts los. Über 35 km kommen uns nur 3 Autos entgegen. Die paar Dörfchen, die ich sehe, wirken ziemlich ausgestorben. Irgendwie trostlos. An den alten Bahnstationen hat man Schilder zur Erklärung angebracht, und ich frage mich, warum hier früher mal eine Eisenbahn fuhr - hier gibt es doch nichts...


So sieht ein bosnisches Dorf ohne Touristen aus


Ein toller Anstieg

Die Hochebene

Eine vorsichtige Schildkröte

Ein neugieriger Marder
Aus dem Nichts taucht plötzlich ein schickes Hotel auf, wo man Fahrräder leihen kann, oder einfach nur etwas trinken. Letzteres tun die meisten Touristen, die ich sehe; offenbar eine amerikanische Reisegruppe. Ich folge meiner Route, doch nach 5 km wird der Weg wieder unbefestigt. Mit Argos morschen Speichen will ich das nicht riskieren und suche mir mit dem Handy einen anderen Weg. Nach 12 km komme ich an die Grenze. Der Grenzbeamte ist sehr freundlich, aber er erklärt mir, das dieser Grenzübergang nur für Einheimische sei. Ich müsse einen anderen Übergang nehmen, 30 km von hier. Ich sehe ihn eindringlich an, erkläre, dass ich heute bereits 110 km in den Beinen habe, immerhin wolle ich ja kein Auto mit über die Grenze nehmen. Aber er lässt sich nicht erweichen. "Where do you come from?", fragt er mich. "From Germany." - "All the way by bike?" - "Yes. - "Congratulations. Now you can go a little further.", sagt er nicht unfreundlich, und verschwindet in sein Häuschen.

Ich versuche, es sportlich zu nehmen, aber zwischenzeitlich fluche ich wüst vor mich hin. Es ist inzwischen Viertel nach Sieben, über meinen "neuen" Weg sind es noch 60 bis 70 km nach Dubrovnik. Mist. Kurz vor der "richtigen"Grenze finde ich einen Supermarkt. Ich kaufe eine Cola und eine Tüte Chips, die ich mir beide vor dem Laden in kürzester Zeit einverleibe. Ich bin schockiert über ich selbst: Cola und Chips! Immerhin eine lokale Cola, die ein bisschen an italienisches Chinotto erinnert. Ein Herr, der mit seiner Frau vor dem benachbarten Café sitzt, spricht mich an: "Where do you want to go?" - "I don't know.", antworte ich wahrheitsgemäß, denn für Dubrovnik ist es einfach zu spät. Er empfielt mir, nach Slano zu fahren. Es läge auf dem Weg, sei aber wesentlich näher. Ich denke noch kurz darüber nach, doch nach Dubrovnik zu fahren, aber nach 22 Uhr ankommen ist auch blöd.

So habe ich heute zum ersten Mal auf dieser Reise mein Tagesziel nicht erreicht. Die 30 km, die nach Dubrovnik fehlen, habe ich in den Bergen verfahren. Vielleicht ist es auch mal ganz lehrreich, damit umzugehen, etwas nicht erreicht zu haben. Und vielleicht gehört diese Lektion auch zu dieser Reise dazu. Wenn dann ab jetzt wieder alles klappt, ist ja alles gut ;) Das morgige Etappenziel, Bar in Montenegro, rückt damit jedenfalls auch 30 km weiter weg. Ich werde morgen sehen, wie ich mich fühle und schauen, wie weit ich komme. Gute Nacht für heute.




Mittwoch, 5. Juni 2019

Tag 11: Von Baska Voda (Kroatien) nach Mostar (Bosnien und Herzegowina)

Der Wecker holt mich aus tiefem Schlaf, so dass ich noch etwas benommen ein paar Minuten liegen bleibe. Noch bin ich nicht so richtig motiviert und inzwischen frage ich mich auch, was ich eigentlich mache, wenn ich Argos im nächsten Ort nicht repariert bekomme. Ich zwinge mich dann doch, meine Morgenroutine halbwegs schnell zu erledigen: Frühstücken für drei, Sachen packen, Trikot und Hose trocken fönen, auschecken und los. So eiern wir (Argos Hinterrad eiert tatsächlich sichtbar) nach Makarska, 8 km weiter südlich. Es ist ein, für meine Begriffe, riesiger Touristenort. Nicht schön, aber dafür mit einem Fahrradladen. Nachdem Internet Recherche nichts ergeben hat, frage ich einen Bootsvermieter, der mir den ungefähren Weg beschreibt. Nach etwas Suchen finde ich tatsächlich den Laden. Das Lokal ist vielleicht 10 qm groß, aber immerhin stehen nicht nur Baumarkträder rum, sondern auch ein paar halbwegs ernsthafte Mountainbikes. Eine Dame und ein Herr mittleren Alters sitzen auf Stühlen, er telefoniert, also trage ich ihr mein Anliegen vor. Offenbar wird es ihr schnell zu technisch und sie deutet auf ihn. Er hält kurz den Hörer von sich weg und sagt zu mir "I heared you have a broken spoke. I cannot gell you, I don't have the tools.". Mein Blick fällt über das Regal hinter ihm: Alle möglichen Shimano Kartons, Kassetten, irgendwelche Abzieher... Ich warte bis er fertig mit seinem Gespräch ist. "I just need something to remove the cassette, I have the spokes..." - "I am telling you: I do not have the tools for your bike.". Nichts deutet darauf hin, dass er mir helfen wird. Ich versuche es mit der Tränendrüse: "You see, I am cycling from Germany to Greece. I need your help.". Keine Reaktion. "Is there another bikeshop in Makarska?". Endlich eine Antwort: "Go to Hotel Meteor. They rent bikes. Talk to them.". So ein Blödmann. Mir ist bewusst, dass ich kein Recht auf Hilfe habe, ich bin auf das Wohlwollen der Menschen angewiesen. Aber wenn sie mich so offensichtlich abweisen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Tools für meinen Argos die gleichen sind, wie für seine Mountainbikes.

Bei Meteor läuft es direkt ganz anders. Ich schildere dem Typen mein Problem, er kratzt sich am Kopf und sagt: "I think I have the tools. But I don't know how to fix it." Ich möchte ihn umarmen. "I know how to fix it!", worauf er mir seinen Fahrradwerkzeugkoffer reicht und mich machen lässt. Das Werkzeug ist übrigens von Lidl - dass ich mal von Lidl gerettet werde, hätte ich als Aldi Süd Fan auch nicht gedacht ;) Das Werkzeug ist nicht perfekt, aber nach drei Mal abrutschen mit der Kettenpeitsche löst sich die Kassette mit einem wirklich erlösenden Ächzen. Der Weg ist frei, der Rest geht schnell. Als ich die Kassette nach erfolgreicher Operation wieder als Ganzes auf den Freilauf setzen will, knurrt Argos kurz: "Das ist jetzt nicht Dein Ernst?!". Also gut, ich reinige nochmal jedes Ritzel einzeln, bevor ich sie aufsetze und der freundliche Fahrradvermieter hat sogar etwas Fett zum Montieren. Super.


Schmutzige Hände - saubere Kassette

Jetzt bloß nicht das Gewinde vermakeln
 Als ich fertig bin, ist es viertel nach eins. Vor lauter Glückseligkeit muss ich erstmal einen Kaffee trinken. Und ein zweites Frühstück nehmen, obwohl ich heute noch kaum gefahren bin. Um kurz nach zwei fahren wir los. Die Straße biegt schnell in Richtung landeinwärts ab, also den Berg hoch. Rund 600 hm müssen wir erstmal klettern, um die Berge, die die Küste entlang gehen, zu überwinden. Es fängt an zu regnen, aber es stört mich nicht, ich bin immer noch sehr erleichtert über Argos Auferstehung von den Lahmen. An einer Baustellenampel hält ein Auto neben mir und der Fahrer, etwa mein Alter, spricht mich an: "Ey, throw your bike on the back of my car and I take you 40 kms into that direction.". - "Why, I am enjoying it." - "But it is raining.". "Ah, this is nothing, it is a beautiful day.", sage ich, und meine es ernst. "You are a masochist.", lacht er. "But I am also a masochist: I smoke and drink." - "I drink as well. Do you also cycle?", frage ich? "No, I play soccer. You know, I am a very good player, a hard working man and a very good lover.", erklärt er mir zwinkernd. Aha. "So your wife must be very lucky.", folgere ich. "Ach, she is always thinking about how things could be better, wondering what we should change...". Möglicherweise ein pankosmisches Phänomen, denke ich mir. "And you, what about you?". Ich versuche das Thema zu wechseln. "I am from Germany.". Dann erzählt er mir, dass er Japan und Deutschland liebe, nicht wegen des Krieges, sondern weil beides sehr hart arbeitende Völker seien, und im Gegensatz zu den Kroaten mit einem Gemeinsinn ausgestattet. Gerade ist die Grünphase vorbei, also verabschieden wir uns lachend und fahren beide bei rot. Die dann folgende Straße ist wirklich ein Schmankerl. Oben führt sie über 500 m über dem Meer durch die steilen Felsen, das Panorama ist überwältigend. Ich hatte irgendwann bei Google Earth diese Straße gesehen und mich seitdem darauf gefreut - sie hat mich nicht enttäuscht.






Der Blick nach Bosnien
Irgendwann komme ich an die Grenze zu Bosnien. Im Niemandsland steht plötzlich ein offenbar verlassenes Wohnhaus, es steht sogar noch ein altes Auto davor. Während ich darüber nachdenke, ob es wohl wirklich verlassen ist, kommen plötzlich wie aus dem Nichts drei kleine wurstige kläffende Hunde auf mich zugerannt. Argos ist irgendwie perplex, und ich kann die Viecher nicht so recht ernst nehmen. Ich habe mal gehört, dass Anschreien hilft, aber ich bin noch 40 m vom bosnischen Schlagbaum und möchte mich nicht wie ein Irrer aufführen. Da schnappt eine der Tölen zu. Zwar nur flüchtig, beißt er mir in die Ferse. Neeiiiin, meine schönen italienischen Fahrradschuhe! Normalerweise mache ich so etwas nicht, aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen: Nachdem ich mit einem engagierten Tritt den Rädelsführer am Kopf streife, ziehen sie sich, immer noch kläffend, zurück. Erst später erwacht der Hypochonder in mir: Ob ich jetzt tollwütig bin? Obwohl man meinem Schuh von außen noch nicht mal etwas ansieht, wische ich ihn mit meinen Desinfektionstüchern ab - und fühle mich wieder besser.

Als ich in Mostar ankomme ist es schon halb neun. Ich habe kein Hotel gebucht, bin klatschnass vom Regen (kurz vor Mostar hat es wieder kräftig begonnen) und mobiles Internet ist in Bosnien unbezahlbar, wie mich mein Provider freundlicherweise per SMS informiert. Ich laufe in das erstbeste (was meistens das erste und nicht das beste ist) Hotel und bekomme ein Zimmer. Nachdem ich fertig bin, gehe ich noch schnell etwas essen und mache einen kleinen Spaziergang. Mostar hat eine sehr schöne, sehr touristische Altstadt. Es gibt viele Moscheen mit Minaretten, und während ich esse ruft tatsächlich der Muezzin zum Abendgebet. Es ist das erste Mal, dass ich das erlebe, und es wirkt sehr exotisch auf mich. Ansonsten hat man kaum das Gefühl, in einem muslimischen Land zu sein. Die Leute hören laute Musik, trinken Alkohol und anstatt Kopftüchern sehe ich mehrheitlich kurze Röcke. Während meines Spaziergangs komme ich mit einem Typen mitte zwanzig uns Gespräch. Er ist hellblond, dandyhaft gekleidet, hat offenbar schon leicht vorgeglüht und erklärt mir auf Nachfrage, dass er Moslem sei. Dann erzählt er von den Vergehen der Kroaten, also der kroatischstämmigen, also der Katholiken an den Moslems, hier in Mostar. Inzwischen würden aber alle halbwegs friedlich wieder zusammen leben. Und er erzählt, dass die Sprachen von Mazedonien bis Slowenien alle ähnlich wären, aber jeder Staat sie als seine eigene bezeichnen würde. Er erzählt noch ein paar Dinge mehr, aber seine Äußerungen zum Balkan haben mich nachdenklich gemacht. Für mich sieht hier alles genau so aus, wie in Kroatien - wie können die Menschen solche Probleme miteinander haben? Die naive Vorstellung des Unwissenden. Oh Mann, der Balkan ist wirklich eine Wissenschaft für sich.

Morgen fahren wir zurück nach Kroatien, nach Dubrovnik. Auch keine so weite Fahrt, aber trotzdem ist es schon wieder viel zu spät. Gute Nacht für heute.

An der Grenze (an dem Schild konnte ich kein Foto machen - wegen der Hunde)

Orient und Okzident

Davon fahren hier immer noch viele herum


Das Wahrzeichen von Mostar