Posts mit dem Label Korfu werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Korfu werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 30. Juni 2019

Tag 29: In die Stadt und mit der Fähre in Richtung Venedig

An diesem Tag klingelt der Wecker um 4 Uhr morgens. Am Vorabend hat mal wieder alles etwas länger gedauert, so dass dies eine recht kurze Nacht war. Ich bin aber doch froh, dass ich endlich aufstehen darf - ich konnte überhaupt nicht schlafen. Als ich mir die Zähne putze, wird mir dann doch anhand einiger sehr unangenehmer und realitätsnaher Träume bewusst, dass ich doch geschlafen haben muss. Aber jetzt ist nicht die Zeit darüber nachzudenken. Eine halbe Stunde nachdem der Wecker geklingelt hat fahren Argos und ich los - ein Rekord auf dieser Reise, dem aber auch Frühstück und sogar Kaffee geopfert wurden.

Anfangs ist es noch völlig finster und es ist praktisch noch niemand auf den kleinen Straßen, die wir zunächst nehmen, unterwegs. Im nächsten Dorf tut sich dann doch etwas: Verführerisch duftet es aus einer gleißend hell erleuchteten Backstube. Offenbar gibt es keinen Verkaufsraum und so ist mir noch nie aufgefallen, dass hier gebacken wird. Jedenfalls schaue ich die Bäcker genau so überrascht an, wie sie mich. Als wir weiter in Richtung der Stadt kommen, sind etwas mehr Menschen unterwegs, aber insgesamt ist es doch noch sehr ruhig. Dafür tut sich im Osten etwas: Das Schwarz des Nachthimmels verwandelt sich ganz langsam in Dunkelblau und bald ist auch schon die zarte Morgenröte dabei. Als Langschläfer sage ich mir oft, dass Sonnenuntergänge genau so schön seien, aber es ist doch nicht das selbe: Zu dieser Jahreszeit schlafen bei Sonnenaufgang fast alle; man hat ihn ganz für sich alleine und es ist eine wunderbare, friedliche Stimmung. Und es ist eben doch etwas anderes, wenn die Sonne uns einen neuen, hoffnungsvollen und reinen Tag bringt, als wenn sie uns in die Nacht entlässt.

Ein neuer Tag beginnt


Die aktuelle Flaggschiff von Greenpeace im Hafen von Korfu: Die Rainbow Warrior III



Und da kommt die Sonne
Unterwegs komme ich bei "Emeral" vorbei, einer Bäckerei und Konditorei, die eigentlich schon früh öffnet, aber um viertel nach fünf sehe ich noch nicht mal Angestellte im Laden. Im Hafen checke ich erstmal ein, aber es sind noch 2 1/2 Stunden Zeit bis das Schiff abfahren soll (es ist noch nicht einmal da). Gottseidank finde ich in der Nähe einen Bäcker, der doch schon geöffnet hat, so dass ich an der Hafenmole mit Frühstück das Finale des Sonnenaufgangs genießen kann.

Als die Sonne dann da ist, geht es plötzlich ziemlich schnell: Es wird sofort warm und sehr hell. Ich spaziere ein wenig zwischen den Autos umher und sehe mir meine Mitreisenden an: Junge Familien mit kleinen Kindern, Rentner, ein paar Motorradfahrer. Noch Vorsaison. Als das Schiff kommt, beginnt das übliche Durcheinander: Die Parkanweiser von der Fähre rufen lauthals und wild gestikulierend ihre Anweisungen, die Fahrer schauen nervös hin und her, einige Passagiere haben noch etwas in den Autos vergessen, aus dem Inneren des Schiffes schwallen Hitze und Lärm, es riecht nach Diesel und Abgasen: Der Inbegriff einer Sommerferienreise - Herrlich :)

Ein "Flying Dolphin", ein Tragflächenboot

Der 900 m lange Anleger für Kreuzfahrtschiffe...



Schon an der Rezeption wird es aber wieder zivilisierter. Es dauert nicht lange bis mich ein altmodisch höflicher Steward zu "meiner" Kabine führt: Ich habe ein Bett in einer innenliegenden 4er Kabine gebucht. Zwei Betten sind bereits belegt, und meine Zimmergenossen wachen kurz auf, als das Licht angeht. Schnell werfe ich meine Sachen aufs Bett und gehe sofort wieder an Deck, denn ich möchte noch ein paar letzte Blicke auf Korfu, Griechenland und Albanien werfen. Ungefähr 3 Stunden lang sieht man noch die Küste, bis sich hinter der Straße von Otranto das Ionische Meer in die Adria aufweitet, und das Land außer Sicht gerät.So lange bleibe ich an Deck und mein Blick wechselt immer wieder zwischen Korfu und der "albanischen Riviera", die ich nun mit anderen Augen sehe, als so viele Male zuvor.

Blick auf Saranda

Erkennt man die Südseite des Llogara-Pass?

Und ein letzter Blick auf das liebe Korfu



Als das Land nicht mehr zu sehen ist, spüre ich langsam, dass es doch eine kurze Nacht war, und gehe für einen Mittagsschlaf in die Kabine. Die Beiden anderen Schlafmützen liegen immer noch in ihren Kojen. Ich schlafe für 2 Stunden und als ich aufstehe, liegt der Typ unter mir immer tatsächlich immer noch in seinem Bett und schaut irgendetwas auf seinem Tablett. "Jeder wie er meint", denke ich mir, und beeile mich, wieder an Deck zu gehen. Inzwischen ist der Himmel etwas zugezogen, aber es ist immer noch wesentlich besser als in der dunklen Kabine. Ich spaziere über das gesamte Schiff, staune über die Menschen, die rauchend vor den Spielautomaten sitzen und setze mich schließlich wieder an Deck, wo ich meine Mitreisenden betrachte. Ich mag das Reisen mit der Fähre: Es werden einem 25 Stunden geschenkt, in denen man in der Sonne sitzen, etwas lesen, oder gar nichts tun kann. Und nicht viel mehr. Zwischendurch esse ich im Restaurant, unter anderem ein vorzügliches Arakas, einen Erbseneintopf mit Tomate, Möhren, Dill und Olivenöl, nehme einen Frappé und gönne mir am Abend an der Bar noch ein letztes Fix. Irgendwann, kurz nach Sonnenuntergang, tauchen nochmal ein paar Inseln auf. Mein Handy verrät mir, dass dies Sveti Andrija und Bisevo sind, vor der Küste Dalmatiens. Von hier aus hatte ich noch 6 Fahrradtage bis Korfu, die Fähre brauchte rund 14 Stunden... Trotz dieses gemütlichen Tages werde ich irgendwann müde und gehe wieder zu meinen Stubenhocker-Kabinengenossen, wo ich ziemlich schnell in einen tiefen Schlaf falle.

Am folgenden Tag werden Argos und ich von Venedig über Vicenza nach Verona fahren, und dort den lieben Kollegen Tobias samt lieber Familie treffen. Das ist mir nochmal einen extra Eintrag wert, den ich aber noch nicht für morgen versprechen kann: Inzwischen bin ich tatsächlich wieder zu Hause und der Alltag hat mich wieder. Dazu wird es vielleicht auch noch ein paar Gedanken geben :) Aber nun gute Nacht für heute.




Bisevo, dahinter Vis

Sveti Andrija

Freitag, 21. Juni 2019

Tag 27: Eine Runde nach Paramonas

Heute lasse ich mich nicht vom Wecker wecken. Als ich aufstehe ist es halb zehn, auch mal schön. Das Frühstück besteht zwar nur aus einer Orange und einem Kaffee (ich habe es irgendwie nicht hinbekommen einzukaufen) aber bis ich loskomme, ist es schon 11 Uhr. Ich mache alles ziemlich gemütlich. Heute  machen wir einen Ausflug nach Paramonas. Es ist ein kleiner Strand im Südwesten der Insel, und aus irgendeinem Grund gehört bei jedem Korfu-Aufenthalt dieser Ausflug dazu. Unterwegs haben sich im Laufe der Zeit auch ein paar Stationen angesammelt, wo wir stets eine Pause machen, um einen Kaffee zu trinken oder die Aussicht zu genießen. Es ist eine Tradition und dieser Tag heißt Paramontag (auch wenn er auf einen Donnerstag fällt).

Zuerst geht es von unserem Dorf etwa 200 hm den Berg hinauf. Oben gibt es einen Aussichtspunkt, von dem man die gesamte Bucht, die vorgelagerten Inseln und Albanien sehen kann. Es halten oft Touristen dort, und auch jetzt sind welche da. Eine Dame mitte sechzig fragt mich, ob die Aussicht den Weg hoch Wert gewesen sei. So komme ich mit Ihr und ihrem Sohn, der etwa in meinem Alter ist, ins Gespräch. Die beiden sind Australier, und wie ich dem Gespräch entnehme, sind sie nicht zum ersten Mal in Europa. Dann erfahre ich, dass der Sohn früher einmal ein sehr ambitionierter Amateurradsportler war. Er ist sogar in seinen frühen Zwanzigern bei ein paar größeren Rennen mitgefahren (Tour of Greece, Tour of the Netherlands). In seinen besten Zeiten kam er wohl auf fast 1000 Trainingskilometer pro Woche - was mir absurd viel für einen Amateur scheint. Dennoch ist ihm der Sprung zum Profi nicht geglückt - durch die Blume habe man ihm zu verstehen gegeben, dass es ohne Doping nicht weiter ginge. Und das habe er auch gemerkt - ein paar Tage konnte er bei den Rennen mithalten, aber irgendwann war es einfach vorbei, die Belastung ist schlicht zu hoch, der Körper kann sich nicht schnell genug erholen. Als ihm das bewusst wurde, hat er das Radfahren aufgegeben. Ich zweifle nicht an seinen Worten. Ich finde es nur schade für ihn, dass er es deswegen ganz aufgegeben hat.


Nun geht es nur für ein paar Kilometer weiter nach Angelokastro. Es ist eine alte Festung (aus byzantinischer Zeit?) auf einem Felsen über dem Ionischen Meer. Eigentlich gibt es von der Burg nicht mehr viel zu sehen - aber die Aussicht ist einmalig. Ich war aber schon oft oben, und weil ich heute noch etwas mehr Weg vor mir habe, fahre ich nur bis zum Fuße des Felsens und mache das obligatorische Bild.




Dann geht es wieder weiter. Die Straße von Angelokastro hinunter nach Paleokastritsa ist wunderschön - eine Miniatur der Amalfitana. Dementsprechend ist es auch ziemlich touristisch. Dennoch halte ich bei einem vertrauenerweckenden Laden und frühstücke: Eine unterdurchschnittliche Spinatpita und ein wirklich schlechtes Croissant. Immerhin wirkt insbesondere Letzteres ziemlich hochkalorisch. Und ein Energiegel schmeckt bestimmt auch nicht besser... Also geht es geschwind weiter nach Paleokastritsa und dann Richtung Süden. Wir kommen nun durch kleinere Ortschaften im Inland, die sofort weniger touristisch sind. Bald bin ich auch schon beim nächsten Haltepunkt: Ein einfaches Café, wo man nett unter Bäumen sitzt, aber kaum etwas los ist. Nach einem Orangensaft geht es weiter. Mir fällt auf, dass man auf den kleinen kurvigen Straßen kaum langsamer ist, als mit dem Auto. Der nächste Stop ist Pelekas, wohl ein ehemaliger Hippie-Ort. Auf einem Hügel gibt es einen schönen Aussichtspunkt, von dem man aus bis zur Stadt und zum Festland schauen kann. Immer wieder schön.







Nun muss ich aber wirklich mal weiter, ich bin es nicht gewohnt, an jeder Milchkanne zu halten. Bis Paramonas gibt es keinen Halt mehr. Als ich ankomme, ist es genau so wie ich es mir vorgestellt habe, genau so wie immer. Es ist ein kleiner, ziemlich ruhiger Strand, keine Party, kein Wasserski. Er ist nach Südwesten ausgerichtet, man schaut auf das weite, offene Meer, es geht immer (wenn ich hier bin) ein auflandiger Wind. Deshalb gibt es auch immer etwas Brandung, deren Rauschen alle anderen Geräusche in den Hintergrund treten lässt. Und die Farben leuchten hier irgendwie intensiver als anderswo. Sollte irgendjemand mal hierher kommen, wird er nach meinen Lobeshymnen vermutlich enttäuscht sein, aber für mich ist es ein magischer Ort. Ich schwimme eine Runde und lege mich noch für einen Moment an den Strand (nicht zu lange, habe doch tatsächlich gestern einen leichten Sonnenbrand bekommen), bevor ich in das Restaurant gehe (gefühlt das einzige). Als Vorspeise gönne ich mir marinierte Sardellenfilets - und dazu ist es mir unmöglich, etwas anderes als Tsipouro zu trinken (ich muss mich wohl langsam rechtfertigen: Zu hause trinke ich weniger). Danach bekomme ich, auf Nachfrage, ein Pastitio, was gar nicht auf der Karte steht. Dieser Auflauf aus Maccheroni, Gehacktem und Bechamel ist eines meiner griechischen Lieblingsessen :) Ich schaue auf die Uhr und muss an ein zweites bewährtes Reisemotto denken: Man soll (weiter)gehen, wenn es am Schönsten ist. Gerne würde ich in der goldenen Nachmittagssonne nochmal an den Strand gehen, aber ich soll weiter, es sind noch gut 60 km bis nach Hause.





So breche ich schweren Herzens wieder auf. Es bleibt aber schön, ich habe das Inselchen ja nicht verlassen :) Durch Olivenhaine komme ich auf kurvigen Sträßchen an die Ostküste, der ich nach Norden folge. Als ich kurz anhalte, um ein Foto zu machen, komme ich mit Timi ins Gespräch. Sie ist Ungarin und hat Geographie studiert. Und weil man davon in Ungarn kaum leben kann, ist sie seit 7 Jahren in Schottland. Sie erzählt mir, dass sie ihre Masterarbeit über irgendwelche buddhistischen Minderheiten in Ungarn geschrieben hat - und dass sie sich im Zuge dessen auch mit den großen Weltreligionen intensiv auseinander gesetzt habe. Allerdings hätten ihre Eltern sie bewusst nicht religiös erzogen, weil sie wollten, dass sie sich selber bewusst für eine Religion entscheidet, wenn sie alt genug dafür sei. Ob das nicht schwierig wäre, frage ich sie. Religion sei ja eher ein Kulturgut, mit dem man aufwachsen, was man von klein auf vermittelt bekommen müsse, um sich darin wiederzufinden. Sie habe in verschiedenen Religionen Aspekte gefunden, die Ihr gefallen, und die würde sie für sich übernehmen. Für einen Moment blicken wir beide nachdenklich aufs Meer. Dann lacht sie: "This is a random conversation, none of us expected.". Wir quatschen noch etwas über Reisen, Essen und den Balkan, bis ich mich verabschiede - ich muss nun wirklich los, wenn ich nicht im Dunklen nach Hause kommen möchte.

Auf dem Rückweg nehme ich noch schnell ein Eis in der Stadt. Den Schlenker gönne ich mir auch noch: Korfu Stadt gilt als eine der schönsten Städte Griechenlands - ich persönlich bin überzeugt, dass es die schönste ist. Die Altstadt ist stark von den Venezianern geprägt und irgendwann waren auch noch die Engländer da und ließen großzügige parkähnliche Grünflächen anlegen. Leider, wie vieles auf Korfu, recht touristisch, aber im Vergleich zu z.B. Dubrovnik doch geradezu authentisch ;) Argos tollt beim Einfahren in die Stadt ausgelassen zwischen den sich stauenden Autos herum. Er ist heute ziemlich leichtfüßig, da wir außer Flickzeug kaum etwas dabei haben. Dann kommt der Heimweg, den ich inzwischen auch mit Argos schon ganz gut kenne. Am Ende waren es rund 115 hügelige, wunderschöne Kilometer.

Morgen ist schon unser letzter Tag auf Korfu. Neben Aufräumen und Packen wird es nochmal ausgiebig Zeit für den Strand geben (soviel gibt es ja gar nicht zu packen). Samstag Morgen geht die Fähre ab Korfu-Stadt nach Venedig, wo wir am Sonntag Morgen ankommen werden. Von dort fahren wir (auf eigenen Rädern) nach Verona, wo wir einen lieben Kollegen treffen, der zufällig auch gerade dort ist. Und am Montag fahren wir mit der Eisenbahn zurück nach Düsseldorf. Die letzten Abenteuer dieser Reise werde ich also wahrscheinlich in einem Beitrag am Dienstag zusammenfassen. Hoffentlich wird es nicht all zu abenteuerlich. Falls doch, kommt vielleicht auch schon früher ein Eintrag :) Nun aber gute Nacht für heute.





Mittwoch, 19. Juni 2019

Tag 25: Von Parga nach Pagi (Korfu)

In dieser Nacht schlafe ich zuerst mit Klimaanlage, die ich dann aber nach ein paar Stunden, als ich zufällig aufwache, wieder abschalte. Himmlisch, diese Ruhe! Kurz bevor der Wecker klingelt wache ich dann aber doch auf, weil es wieder ziemlich warm ist. Eigentlich ganz gutes Timing. Gemütlich mache ich mich fertig, denn heute wartet eigentlich nur ein halber Tag auf mich. Unten vor dem Haus treffe ich Elona, die sich um die Vermietung kümmert. Sie unterhält sich mit einer griechischen Dame, um die 60. Die Dame heißt Kiria Voula, also Frau Voula, wie ich bald erfahre (in Griechenland ist es, außer bei sehr formellen Anlässen, üblich, Personen die man siezt mit Frau bzw. Herr und dann dem Vornamen anzureden; in meinem Fall also Herr Thomas). Kuria Voula fragt mich, ob mein Fahrrad ein E-Bike wäre, ihr Sohn habe sich nämlich eines gekauft und sei sehr zufrieden. Sie kann gar nicht verstehen, warum ich nicht auch ein E-Bike benutze, das wäre doch so viel angenehmer bei den ganzen Bergen. Ich versuche gar nicht erst, es ihr zu erklären… Dann erzählt sie von ihrem Sohn, der in Zürich lebt und „Ingenieur für Flugzeuge" ist. „Bravo" sage ich, völlig ohne Ironie. Während es in Deutschland eher üblich ist, nicht mit seinem gesellschaftlichen Status zu hausieren, habe ich es in Griechenland schon häufig erlebt, das jemand sich vorstellt und direkt seinen Beruf dazu sagt – wenn es denn ein angesehener Beruf ist. Und dementsprechend ist es auch üblich, Anerkennung dafür zu zollen. Dann erfahre ich, dass Kiria Voila auch in Zürich lebt. Wie viele Griechen, die mehr als die Hälfte ihres Lebens im Ausland verbracht haben, ist sie sehr streng mit ihrer Heimat und zieht verschiedene Vergleiche mit der Schweiz (Müllentsorgung, Radwege…). Das ist aber auch wirklich ein harter vergleich: In vielen Dingen liegen die hoch reglementierte Schweiz und das Laissez-faire Griechenland diametral auseinander. Mit entsprechenden Vor- und Nachteilen auf beiden Seiten. Als ich mich verabschiede, bekomme ich nochmal die Vorteile Griechenlands in Form von rührender Herzlichkeit geboten: „Alles Gute für Dich, mein Junge. Fahr vorsichtig, mein Kind…" Ist das griechische oder mediterrane Herzlichkeit? Ich erinnere mich, dass mir vor rund 11 Jahren in Turin in einem Schuhgeschäft die Verkäuferin in die Wange gekniffen hat… Jedenfalls fühle ich mich, als würde ich mich von einer Tante verabschieden.

Bis Igoumenitsa sind es gut 50 km entlang der Küstenstraße. Es ist schon recht warm und geht viel auf und ab, aber gottseidank gibt es wenig Verkehr und es ist eine schöne Landschaft. Ich komme durch Syvota und Plataria, einen größeren und einen kleineren Badeort, und plötzlich wird mir bewusst, dass ich gleich schon in Igoumenitsa sein werde. Zufällig komme ich an einem Schild vorbei: „Plas Gata", der Katzenstrand. Ich denke mir zuerst nichts dabei, aber ein wenig weiter sehe ich eine kleine Kieselbucht mit klarem Wasser, umrahmt von Olivenwald. Ein sehr verlockender Anblick. Und wenn sich auf Reisen ein Motto bewährt hat, dann dieses: „Man soll die Feste feiern, wie sie fallen." Also ab an den Strand. Es ist wirklich sehr angenehm: Klein, ruhig, sauber und ich bin fast der einzige Nicht-Grieche. Es gibt eine kleine Kantina, also einen alten Wohnwagen, wo man Getränke und ein paar Kleinigkeiten zum essen kaufen kann. Ein Mädchen mit einer sehr tiefen Stimme bringt mir einen Toast und einen Tsipouro und so verbringe ich einen bequemen, sonnigen Nachmittag.

Kurz nachdem ich losgefahren bin, erreichen wir auch schon Igoumenitsa. Dieses Mal schaffe ich zum Glück die 18.30 Uhr Fähre. Die Überfahrt verbringe ich an Deck und beobachte die Möwen, die das Schiff begleiten. Geschickt „surfen" sie auf der Umströmung des Schiffes (die gasförmige Phase), so dass sie kaum einen Flügelschlag zu tun brauchen. Sie haben nicht den blassesten Schimmer von Potentialströmungen, geschweige denn von den Navier-Stokes Gleichungen, aber sie kommen mit der Strömung besser zurecht, als Theodore von Kármán persönlich.

Auf dem Heimweg vom Hafen esse ich noch schnell eine Kleinigkeit und lade schon mal die Bilder des heutigen Tages über das WLAN hoch (mein Datenvolumen geht bereits wieder zur Neige). Als ich dann ankomme, stehen für heute 84 km auf dem Tacho – ein ziemlich entspannter Tag.

Ich habe nun noch drei Tage hier auf Korfu, bevor ich die Fähre nach Venedig nehme. Morgen wird es ein ganzer Ruhetag (deswegen wird es auch keinen Bericht geben, außer es passiert etwas ganz Verrücktes). Übermorgen wollen Argos und ich aber noch eine Runde drehen: Es gibt einen klassischen Ausflug in den Süden der Insel, den meine Schwester und ich eigentlich jedes Mal machen, wenn wir hier sind. Mal sehen, wie das mit dem Rad geht. Den nächsten Bericht gibt es also spät am 20. bzw. morgens am 21. zu lesen. Bis dahin und gute Nacht für heute.

Samstag, 15. Juni 2019

Tag 21: Von Pagi (Korfu) nach Ioannina (Epirus)

Die erste Wahrnehmung von heute ist die gleiche, wie die letzte von gestern: Meine Mutter ist auf und packt. Sie ist sehr leise, aber ich habe ihren leichten Schlaf geerbt. Ob sie überhaupt geschlafen hat? Da mein Wecker auch bald klingeln wird, stehe ich auch auf. Die Morgenroutine ist heute anders, als sonst: Meine Eltern reisen heute auch ab und wir wollen recht früh das gleiche Schiff von der Stadt nach Igoumenitsa, zum Festland nehmen. Da Argos und ich etwas langsamer sind, müssen wir schon etwas früher los. Es gibt also nur ein Sparfrühstück und los geht's.

Die letzten Tage auf Korfu waren übrigens sehr erholsam: Aufstehen ohne Wecker, gemächlicher Start in den Tag, etwas zu Hause herumbasteln (auch Argos brauchte etwas Pflege), eine Runde Schwimmen, Tsipouro auf dem Rückweg vom Strand bei Tseni und Giorgos, Abendessen, schlafen - ich hoffe, dies reicht als Beschreibung der Tage 18 - 20. Diese beschaulichen Tage waren genau das, was ich jetzt brauchte :)

Unterwegs bin ich wieder hingerissen, von der Schönheit der Insel. "Wie in der Toskana; vielleicht besser?", denke ich bei mir, und muss sogleich über mich selber schmunzeln: Mit welch anderen Augen man doch eine Gegend sieht, zu der man sich irgendwie verbunden fühlt. Aber es ist wirklich schön.




Eine halbe Stunde bevor das Schiff abfährt, komme ich an. Perfekt, noch Zeit für einen Kaffee. Zehn Minuten vor Abfahrt sind meine Eltern noch nicht da, ich schaue auf mein Handy und tatsächlich habe ich eine Nachricht, dass sie es nicht schaffen und mir eine gute Reise wünschen. Da ich schon fast damit gerechnet hatte, ist Plan B bereits fertig: Ein 2. Frühstück und ein 3. Kaffee in der Stadt. Bei einem Bäcker kaufe ich mir etwas Leckeres und setze mich auf eine Bank am Rathausplatz. Obwohl alle anderen Bänke frei sind, kommt ein Opa (älterer Herr trifft es nicht so recht) und setzt sich zu mir. Kurz danach kommt ein Bekannter gleichen Alters von ihm vorbei, und die Beiden unterhalten sich lauthals - und mich auch. Der eine ist auf dem Weg, sich neuen Tsipouro zu kaufen, der letzte habe ihm nicht geschmeckt. Eine Gruppe Kreuzfahrttouristen wird auch kommentiert: "Wie die Schafe...". Als ich aufstehe, wünsche ich den beiden einen angenehmen Tag, auf Griechisch. "Ahhh, der Fahrradfahrer, was hast Du denn für ein Fahrrad, damit könnte man direkt nach Athen fahren. Hat es Batterien?" - "Siehst Du denn nicht, die Batterien hat er in seinen Beinen.", entgegnet der andere. Dann fangen sie an, anzügliche Witze über eine dritte Batterie zu machen, und ihr Alter zu bedauern, aber das bekomme ich kaum noch mit. Schnell noch einen Kaffee im Bristol, meiner Lieblingsbar auf Korfu. Vorsicht, die Preise sind überzogen und der Service nicht besonders freundlich, aber es ist einfach ein schöner Laden. Dann treffe ich meine Eltern im Hafen und los geht's. Mit meinem Vater beobachte ich das geschäftige Treiben an Land und an Wasser - Hafenatmosphäre ist einfach einmalig.






In Igoumenitsa verabschieden wir uns. Meine Eltern besuchen noch einen Freund in der Nähe, bevor am Abend ihr Schiff nach Italien geht, und ich fahre Richtung Ioannina. Seit ein paar Jahren gibt es eine moderne Autobahn; ich werde die alte Bundesstraße nehmen. Ich habe intensive Erinnerungen an diese Straße: Früher sind wir sie gefahren, wenn wir meine Großeltern besuchen wollten. Damals war es DIE Ost-West-Verbindung durch Griechenland, und dementsprechend war der Verkehr: LKWs auf dem Weg nach Südosteuropa und türkische Familien, die ich immer bedauert habe, weil sie es noch mindestens einen Tag weiter hatten. Die Straße führt durch eine bergige Gegend, es gibt viele Kurven und im Sommer ist es glutheiß. Als Kind habe ich es gehasst, und während meine Schwester es einfach tapfer ertragen hat, wurde ich schon Tage vorher reisekrank. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist, aber heute liebe ich solche Reisen. Von dem damaligen Verkehr ist freilich nichts mehr übrig: Der Autobahn sei Dank, begegnet mir etwa alle 4 Minuten ein Auto, fast als ob die Straße ein gut ausgebauter Radweg wäre. Allerdings bin ich auch der einzige Radler.

Ich erinnere mich an ein Dorf auf halbem Wege, wo ich vorhabe zu Mittag zu essen. Früher gab es sehr viele Restaurants entlang dieser Straße, die alle gut vom Verkehr leben konnten. Inzwischen sind es spürbar weniger. Manche Orte wirken fast etwas ausgestorben. Wie ich zur Mittagszeit durch die Hitze und grelles Licht fahre, muss ich unwillkürlich an "12 Uhr mittags" denken. Es ist wirklich eine Western-Atmosphäre. In meinem Mittagsort sagt mir der erste Laden irgendwie nicht zu. Ansonsten gibt es noch einen anderen, der aber eher nach Kafeneion (traditionellem Kaffeehaus, was nur von Männern aufgesucht wird) aussieht. Zwei Männer mittleren Alters sitzen bei Bier an einem Tisch, die Wirtin unterhält sich mit ihnen. Ich bleibe vor ihnen stehen. "Hallo." sage ich."Hallo", kommt es dreifach zurück. Die beiden Gäste sehen mich neugierig, die Wirtin etwas irritiert an. "Haben Sie Essen?", frage ich sie. Sie taxiert mich und lässt sich Zeit mit ihrer Antwort: "Es gibt Nudeln mit Kalb". "Schön" lächele ich und setze mich hin. Sie fragt mich noch, woher ich denn käme, was ich mit einem knappen "Gerade aus Korfu." beantworte. Irgendwie habe ich gerade keine Lust zu erzählen, dass ich komplett mit dem Fahrrad hergefahren bin. Auch die beiden anderen Gäste sind aber so neugierig, dass sich am Ende doch ein echtes und nettes Gespräch ergibt. Als ich erzähle, dass ich in die Heimat meiner Mutter fahre, bricht das Eis. Dann kommt auch schon das Essen, und es ist vorzüglich: Ein einfaches, gutes, gut gewürztes Essen, als ob eine Tante eben etwas gekocht hätte. Ich esse mit sichtbarem Appetit und lobe Ihr Essen, woraufhin sie mich direkt fragt, ob ich noch einen Nachschlag möchte. Ich lehne dankend ab, und bestelle stattdessen einen griechischen Kaffee (der gleiche wie der türkische, oder auch arabische...). Prüfend sieht sie mich ruhig an, ohne etwas zu sagen. "Μέτριο." sage ich - mittelsüß - und habe endgültig bestanden.




Continental Gatorskin - hoffentlich kein schlechtes Omen, dass hier einer der robustesten Rennradreifen überhaupt aufgegeben hat



"Langsam - Eis" (steht so auf dem Schild)



Es muss nicht immer Meer sein - der See bei Ioannina

Als ich in Ioannina ankomme, finde ich schnell eine Unterkunft, mache mich fertig und gehe spazieren. Ich war bereits hier, erinnere mich aber nicht mehr so ganz genau, wo alles ist. Ich mag diese Stadt sehr, das fängt schon beim Namen an. Die Stadt liegt im Inland, am Fuße des Pindos-Gebirges, direkt an einem größeren See. Es ist eine mittelgroße Stadt mit einer Universität und einer schönen Altstadt. Insgesamt sieht man hier noch recht stark die Spuren der ottomanischen Besatzungszeit: Die Moschee ist z.B. immer noch erhalten, was in Griechenland weniger häufig ist, als in anderen Balkan-Ländern. Das beste ist, dass es kaum Touristen gibt. Maximal ein paar Natur- oder Kulturbegeisterte, aber die fallen kaum auf - es ist eine sehr authentische Stadt. Ich habe Glück und finde einen tollen Mezedopolio, einen Laden der verschiedene Kleinigkeiten (und auch größere Sachen) anbietet, und der von kultivierten jungen Leuten betrieben wird. Alles sehr liebevoll gemacht und eine interessante Auswahl. Außerdem gibt es heute Abend ruhige Livemusik: Meist alte, traurige und augenzwinkernde Liebeslieder. Ich bestelle mir noch einen Tsipouro und beschließe, den heutigen Eintrag hier zu schreiben. Aber nun ist der Eintrag fertig, man soll gehen, wenn es am schönsten ist, und morgen warten einige Höhenmeter auf mich. Gute Nacht für heute.