Sonntag, 23. August 2020

TPBR 2020: Tag 3 (Bruneck - Milano)

Bevor der Wecker um 7 Uhr klingelt, werde ich von Geräuschen geweckt: Ich habe bei offenen Fenstern geschlafen und auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Hotel höre ich, wie wohl eines der benachbarten Geschäfte beliefert wird. Nicht schlimm, es ist eine heitere Betriebsamkeit und durch die Vorhänge kann ich schon sehen, dass es ein schöner Tag wird. Meine Sachen sind über Nacht auch nahezu getrocknet, also packe ich schnell alles zusammen. Übrigens habe  ich mir überlegt, dass ich schneller fahren kann (und es vor allem mehr genieße), wenn ich halbwegs vernünftig schlafe - sollen die anderen sich mal schön die Nächte um die Ohren schlagen... Und essen muss ich ja sowieso. Also nehme ich das Frühstück, pünktlich um halb acht, auch noch mit. Als ich das Buffet sehe ist sofort klar, dass es die absolut richtige Entscheidung war, hier zu essen. Großzügig und vielseitig wie ein Tiroler Frühstück, aber mit Prosciutto Cotto und Crudo und diesen wunderbaren Kuchen, die es eben nur in Italien gibt. Das ist Südtirol: Best of both worlds! :)

Als Argos und ich starten bin ich allerbester Stimmung - welch ein Gegensatz zu gestern. Nicht auf die Trackerseite geschaut, gut erholt, blauer Himmel und: Es geht nach Italien. Also in das "richtige" Italien, wo man nur Italienisch spricht. Noch während ich Bruneck verlasse, rauschen zwei Mitfahrer an mir vorbei - sie fahren als Paar, dürfen einander Windschatten geben und sind wirklich flott unterwegs. Obwohl sie mich überholen, freue ich mich doch, sie zu sehen: Inzwischen sind wir über 500 km von Wien entfernt, das Feld wird sich schon reichlich zerstreut haben, aber trotzdem ist man nicht alleine unterwegs. 

Bald biege ich von der Bundesstraße ab und halte an, um mich für den Tag vorzubereiten: Sonnencreme. Während ich mich in Ruhe einschmiere (wie gesagt, das ist die treffendste Bezeichnung), radelt ein weiterer, einzelner Mitfahrer an mir vorbei. Ich bleibe locker - bis zum Ziel sind es noch über 1500 km und nach meiner gestrigen kleinen Krise habe ich eines verstanden: Dieses Rennen ist kein Sprint, bei dem man ständig aufmerksam auf die anderen schaut, um zu reagieren. Es ist eher wie Domino: Ab dem Start läuft ein weitgehend determiniertes Spiel ab - soweit alles nach Plan geht. Also brauche ich mich auch nicht verrückt zu machen, sondern folge einfach meinem "Plan". Reagieren muss man nur, wenn etwas schief läuft (Wetter, Pannen, Wehwehchen, falsche Planung...). Ein ziemlich lässiger Rennmodus: Das eigentliche Rennen findet fast vor dem Start statt...

Bei der nächsten Abfahrt überfahren wir ein paar Unebenheiten - und plötzlich höre ich ein zyklisches Rauschen vom Vorderrad. Mist, ein Platter. Gerade noch rechtzeitig, bevor sämtliche Luft endgültig aus dem Reifen entwichen ist, bekomme ich Argos zum Stehen und mache mich direkt an die Reparatur. Obwohl ich weiß, dass ich alles notwendige dabei habe (und das wirklich nicht zum ersten Mal mache), bin ich am Anfang doch irrational nervös. Aber das Loch ist schnell gefunden: Keine Perforation, sondern ein "Snakebite": Zwei nebeneinander liegende Löcher an den Seiten des Schlauchs, die entstehen können, wenn man mit zu wenig Reifendruck über eine Unebenheit fährt. Der gute Continental GP5000 ist damit rehabilitiert - und ich nehme mir vor, häufiger meinen Reifendruck zu prüfen. Während ich flicke, überholt mich ein weiterer Mitfahrer. Ich bin immer noch gelassen, aber langsam soll auch ich Land gewinnen. Endlich geht es weiter und ich freue mich auf einen Tag abrollen in die Po-Ebene.

Zwei schnelle Mitfahrer


Flicken

Auf den nun anstehenden 75 Kilometern nach Bozen geht es von gut 800 auf 260 hm runter - gemütliches Treten reicht für eine ansehnliche Reisegeschwindigkeit - sehr angenehm. Entsprechend schnell passiere ich Brixen und Klausen, bevor sich bei Bozen das Tal weitet. Während bisher noch alles reichlich nach Bergen aussah, mutet Bozen für mich schon vergleichsweise mediterran an. Vielleicht liegt das aber auch an den Temperaturen, die inzwischen an die 30 Grad gehen... An einem Brunnen fülle ich meine Flaschen nach und weiter geht es, nun durch zahlreiche Apfelplantagen. Die guten Südtiroler Äpfel - Argos ahnt offenbar, was in mir vorgeht, und fährt einfach weiter. Ansonsten könnte ich wohl kaum der Versuchung widerstehen...


Zum Reinbeißen. Aber Äpfel stehlen soll ja zuweilen böse Folgen haben...


Noch gute Laune

Die nächste Stadt hinter Bozen ist Trento, nach ungefähr 60 Kilometern. Irgendwo auf dem Weg dorthin kommt mir der Schwung abhanden. Ich fühle mich ziemlich langsam, was der Blick auf den Tacho leider bestätigt: Dafür dass es geradeaus bzw. leicht bergab geht, sollte ich eigentlich schneller sein. Ob es daran liegt, dass das Thermometer inzwischen über 30 Grad zeigt? Oder daran, dass meine Riegel vor 1 1/2 Stunden zu Ende gegangen sind, und ich seitdem nichts mehr gegessen habe? Irgendwann schaue ich auf die Bäume und mir wird klar: Gegenwind. Ich werfe einen bangen Blick auf die Wetterapp - und meine Stimmung rutscht eine gute Etage tiefer: Ein stabiler Südwind weht das Tal herauf; davon werde ich etwas haben, bis ich in knapp 100 Kilometern das Südende des Gardasees erreicht habe und nach Westen abbiege. Oh je. In Trento fülle ich wieder meine Flaschen nach (insgesamt 2 Liter) und kaufe mir drei große Stücke Pizza für unterwegs sowie etwas Gebäck und ein Chinotto (eine sehr aromatische Bitterorangenlimonade) für sofort. Danach geht es wieder etwas besser, aber ich bin trotzdem nicht zufrieden. Eigentlich sollte ich hier mit über 30 entlang segeln... Ob es wirklich die richtige Entscheidung war, durch die Po-Ebene zu fahren? Immerhin ist es ein traumhafter Tag, ich versuche mich abzulenken und denke daran, dass ich die noch verbleibenden 80 Kilometer bis zur Richtungsänderung in spätestens 3 - 3 1/2 Stunden hinter mir haben werde - das ist ja gar nicht mehr so lange hin... Na, ob solche Überlegungen die richtige Ablenkung sind? Zum Glück schreibt meine Schwester mir gerade in diesem Moment ein paar aufmunternde Worte. Endlich verlässt die Straße irgendwann das Tal, zieht sich durch ein paar Hügel hinauf, biegt um eine Kurve und vor mir liegt der Gardasee. Bei dem Anblick verbessert sich meine Laune schlagartig, zumal der Wind sich wie durch Geisterhand gelegt hat. Vielleicht doch eine ganz gute Route? Von Peschiera del Garda bis Desenzano del Garda fahre ich nahezu vollständig am Südufer des Sees entlang. Irgendwie gefällt es mir schon, aber es ist doch ziemlich touristisch und gefühlt hat jedes zweite Auto ein deutsches Kennzeichen. Und es gibt viele Autos. Feierabendverkehr im Badeurlaub? Als ich die Touristen hinter mir gelassen habe, wird mir bewusst, dass ich vor lauter Eile den ganzen Tag noch keinen Caffè getrunken habe. Bei der nächsten Bar wird dieser Umstand mit einem doppelten Espresso korrigiert, dazu gibt es eine Cola, ein paar Cannoli und zwei große Panini für unterwegs. Und dann geht es in die Ebene und wird endlich ruhiger.

Der erste Blick auf den Gardasee




Die Po-Ebene ist unter Radfahrern nicht gerade beliebt, weil man oft auf stark befahrenen Straßen unterwegs ist. Ich habe aber Glück und werde über Strade Provinciale, gewissermaßen kleinere Bundesstraßen geführt, mit überraschend wenig Verkehr. Für die idyllische Radtour ist es vielleicht nicht das richtige, aber ich will Strecke machen und dafür es ist absolut perfekt: Auf gutem Straßenbelag geht es auf direktem Wege nach Westen. Windstill und topfeben. Inzwischen ist es kurz vor acht und die Sonne steht tief und taucht alles in ein goldenes Licht. Es ist nicht mehr so heiß, ich liege in den Aerobars und fliege mit über 30 km/h nach Westen - und bin so zutiefst zufrieden wie lange nicht mehr. Eigentlich war das Tagesziel, bis ca. 40 Kilometer vor Mailand zu fahren und draußen zu biwakieren. Aber die Beine laufen so gut, dass ich es mir anders überlege: Die zwei Stündchen bis Mailand kann ich dann auch noch machen - und mir zur Belohnung wieder ein Zimmer nehmen. Schnell finde ich das perfekte Hotel: Ein Ibis mit 24 h - Rezeption und frühem Frühstück. Entsprechend motiviert trete ich in die Pedale. Gegen 0 Uhr passieren wir Milano Centrale, den Hauptbahnhof, als mir bewusst wird, dass mein letztes Panino schon ein paar Stunden zurück liegt und ich auf jeden Fall noch etwas essen sollte. Mein Hotel ist in einem etwas ruhigeren Viertel, aber gottseidank finde ich einen kleinen Laden, in dem ein Pakistani auf 8 Quadratmetern allen möglichen Krimskrams verkauft. Nach kurzem Zögern gebe ich mir einen Ruck und entscheide mich für die Full Fat - Full Carb Lösung: Eine Tüte Kartoffelchips. Im Hotel erlaubt man mir wie selbstverständlich, Argos mit aufs Zimmer zu nehmen. Dort esse ich mit Genuss die Chips, was sich, zu meinem Erstaunen, in dieser Situation fast wie ein richtiges Essen anfühlt. Und nach einer schnellen Abendroutine (Kleidung waschen, duschen, Zähneputzen) strecke ich mich wohlig auf dem Bett aus und schlafe in kürzester Zeit ein.

348 km, 1166 hm, 26.3 km/h.

Wieder gute Laune



Orzinuovi



Milano

Milano Centrale


Feierabend


Sonntag, 16. August 2020

TPBR 2020: Tag 2 (Admont - Bruneck)

Als um 6.30 Uhr mein Wecker klingelt, bin ich bereits wach. Die erste Nacht draußen schlafe ich immer sehr leicht (wenn ich denn wirklich schlafe...). Ich habe mich noch nicht an die Geräusche gewöhnt und bin auch noch nicht müde genug, um dennoch zu schlafen. So habe ich in der Nacht, neben allem möglichen Geraschel, auch immer wieder die Stimmen bzw. rasselnden Freiläufe von Mitfahrern gehört, die an mir vorbei fuhren. Natürlich lasse ich mich ungern überholen, aber ich hatte mir fest vorgenommen, die erste Nacht zu schlafen - schließlich muss ich noch eine Woche durchhalten. Etwas unruhig bin ich aber doch, als ich im Morgendunst meine Sachen zusammen packe. Auf welcher Position ich wohl bin? Immerhin fühle ich mich einigermaßen erholt. Nachdem alles verpackt ist, schlinge ich noch einen halben Döner vom Vorabend herunter und endlich geht es los - ach neee, ich brauche noch Wasser. Na gut, ungefähr einen knappen Kilometer in Gegenrichtung gibt es einen Brunnen, also dann schnell. Während ich meine Flaschen nachfülle, radelt ein Mädchen auf einem bepackten Rennrad an mir vorbei - sie sieht schwer nach Mitfahrerin aus, sicher bin ich mir aber nicht. Aber wer radelt hier schon sonst um 7.15 Uhr mit so einem Setup entlang?

Mein heimeliges Schlafplätzchen der ersten Nacht - danke Billa!


Als ich endlich unterwegs bin - in der richtigen Richtung - erwecke ich mein Handy aus dem Flugmodus und wage einen flüchtigen Blick auf die Trackerseite. Das darf doch wohl nicht wahr sein?! Bin ich wirklich -? Ich bin unter den fünf letzten! Unvermittelt schalte ich das Display aus, das gibts doch gar nicht! Ich bin doch eigentlich ein starker Fahrer, es ist doch unmöglich dass ich fast die  Lanterne Rouge bin. Ärgerlich und enttäuscht radle ich gen Westen, den anderen hinterher. Normalerweise scheint es mir stets, als ob die Nacht auf wunderbare Weise die Welt für uns reinigt, heute aber habe ich kein Auge für den traumhaften Morgen. Auf diese sch...-Trackerhomepage schaue ich so bald nicht mehr, soviel steht fest. Allmählich wird mir klar was passiert ist: Die meisten sind ganz einfach die Nacht durchgefahren. Ich wusste, dass die Top-Leute das machen. Aber fast das ganze Feld? Wie stark sind die denn bloß, dass sie sich das zumuten / -trauen? Na das kann ja heiter werden. Ich bin so aufgewühlt, dass ich Argos, ausnahmsweise mal die Stimme der Vernunft, kaum höre: "Beruhige Dich, wir haben einen guten Plan, wenn wir unsere Tagesziele schaffen, werden wir ganz sicher nicht die Letzten werden.". Gerne möchte ich ihm glauben, aber doch bin ich unzufrieden. Ein paar Freunde erkundigen sich per Whatsapp nach meinem Befinden, knurrig beschreibe ich meine Lage. Rüdiger hat den einzig vernünftigen Rat: "Tritt in die Pedale!".

So erreichen wir nach rund 3 Stunden Schladming, und obwohl ich am liebsten weiterreiten möchte, biegt Argos auf den Parkplatz einer Bäckerei. "So, Frühstück - das ist gut für Dich!", ruft er mir munter zu und schüttelt mich von seinem Rücken. Also gut. Ich bestelle zwei Kaffee, Topfenstrudel, ein großes belegtes Brötchen und noch ein paar Rosinenbrötchen und Nussschnecken für unterwegs. Trotz der Eile fällt mir auf, wie gut alles schmeckt - hach, du liebes Österreich! Als ich wieder auf Argos sitze, habe ich tatsächlich bessere Laune. Was Topfenstrudel und Kaffee nicht alles bewirken können. Im Ort sehe ich einen Mitfahrer, der offenbar auf der Suche nach etwas ist. Na immerhin, einen habe ich wieder überholt...

Nach rund einer Stunde fängt es an zu regnen. Ein Blick auf das Regenradar bestätigt den Eindruck, den die dunklen Wolken vermitteln: Das wird ein Weilchen dauern. Also schnell anhalten und Regensachen an, je früher desto besser: Regenüberschuhe, kurze Regenüberhose, Regenjacke. Damit bleibt man zwar beim besten Willen nicht trocken, aber es bewahrt einen vor dem Auskühlen. So geht auch die erste richtige Abfahrt nach Sankt Johann im Pongau über 400 hm ganz gut. Kurz danach führt meine Route auf dem Tauernradweg einen knackigen Anstieg hinauf. Ich kenne dieses Stück von der Tour mit Reinhold vor ein paar Jahren. Mitten im Anstieg kommt mir ein Mitfahrer entgegen. "Müssen wir wirklich da rüber?", fragt er mich ungläubig. Obwohl es gegen das Ethos des Rennens ist (Mitfahrer sollen weder Ausrüstung, noch Verpflegung, noch Informationen miteinander teilen), erkläre ich ihm, dass die Straße im Tal eine reine Autostraße und für Fahrräder gesperrt ist, und wir daher tatsächlich oben lang müssen. Und schon geht es weiter. Auf der anderen Seite sausen Argos und ich mit Freude hinunter, zurück ins Tal. Die Beine laufen gerade ziemlich gut, im gestreckten Galopp überholen wir noch einige Mitfahrer und nach 1 1/2 h erreichen wir Ferleiten. Hier ist die Mautstation, an der die Großglockner Hochalpenstraße beginnt. Inzwischen scheint wieder leicht die Sonne und ich bereite mich auf die nun anstehenden 15 km mit 1400 hm vor, indem ich die Regensachen ablege, mich mit Sonnencreme einschmiere (es ist wirklich eine Schmiererei) und ein Rosinenbrötchen nehme. Hu-ha, niemand hat uns überholt, also los.

Es ist das dritte Mal, dass Argos und ich hier rauf kurbeln, und doch bin ich wieder überrascht von der nachdrücklichen Steilheit der Straße. Wohl wegen des wechselhaften Wetters sind Gottseidank nicht so viele Autos und Motorräder unterwegs. Sehr angenehm. Bald verfalle ich in diesen glücklichen Zustand, in dem sich der Geist mit sich selbst beschäftigt und man ohne großes Nachdenken einfach weiter fährt. Bis ich eine Rennradlerin vor mir sehe. Ordentlich bepackt und in Warnweste kämpft sie sich mit superniedriger Trittfrequenz nach oben. Verstohlen schaue ich auf ihren Antrieb - oh je, das sieht nach ziemlich klassischer und berguntauglicher Rennradübersetzung aus - 36-30 vielleicht? Zum Vergleich: Ich fahre  30-34. "Das kostet richtig Kraft.", denke ich mitleidig. Unser RaceCap sehe ich nicht, also quatsche ich sie munter an: "Na, wo fährst Du denn hin?" - "Na, nach Nizza fahre ich...". Genau wie ich macht Daniela zum ersten Mal bei einer solchen Veranstaltung mit. Wir unterhalten uns kurz, hauptsächlich darüber, wie sausteil diese Straße doch ist, und versichern uns gegenseitig, dass wir nicht aufgeben werden, auch wenn es bis Nizza etwas länger dauern mag. Als die Straße noch etwas steiler wird, schalte ich mit schlechtem Gewissen einen Gang runter - ihr sind die Gänge schon lange ausgegangen - und ziehe, mich verabschiedend, davon. Am Abzweig zur Edelweißspitze treffe ich Michael Wacker (den Veranstalter), der Fotos von den Teilnehmern macht. "Na, das sieht ja noch gut aus.", ruft er mir zu. "Fühlt sich aber nicht so an.", antworte ich schnaufend. "Warte mal ab, da vorne schieben gleich welche...". Zuerst überhole ich einen einzelnen Mitfahrer, der aussieht, als würde er gleich vom Rad fallen. "Na, alles klar? Wo bist Du denn heute Morgen gestartet?", frage ich ihn. "Heute Morgen? Ich bin die Nacht durchgefahren..."... Während die eigentliche Passstraße super ausgebaut ist, bestehen die letzten 1.7 km zur Edelweißspitze (Stichstraße) aus grobem Kopfsteinpflaster mit bis zu 15 % Steigung. Alter Schwede! Als ich an den beiden schiebenden Mitfahrern vorbei komme, möchte ich auch am liebsten absteigen. Stattdessen schicke ich ein Stoßgebet zur Madonna del Ghisallo, der Schutzpatronin der Radfahrer, und komme schließlich irgendwie auf der Edelweißspitze auf 2571 m ü. NN an. Ich binde Argos an, schnappe mir meine Regenjacke (gleich wird es kalt) und betrete taumelnd vor Anstrengung und dünner Luft die Hütte. In Rekordzeit tischt der Wirt mir einen Teller Spaghetti Bolognese, einen gemischten Salat und eine große Apfelschorle auf und in Rekordzeit verputze ich alles. Für den Weg kommen noch zwei Speckbrote mit und weiter geht es.

Die Mautstelle in Ferleiten



Der Blick zum Fuscher Törl

© Adventure Bike Racing

Das Beweisfoto von der Edelweißspitze (ist wirklich nur Sonnencreme in der Nase)...

Die nächsten 8 km geht es hochalpin ab und auf, die Straße bleibt ständig über 2250 m, bis es kurz vor dem Hochtor, dem Beginn der echten Abfahrt, zu regnen beginnt. Brrr, bitte keine Regenabfahrt. Aber es soll so sein. Also Regensachen an, zusätzlich Beinlinge, Daunen- unter die Regenjacke, lange Handschuhe und Attacke. Die Abfahrt ist schnell, bei guten Bedingungen kann man hier locker 80 fahren. Heute peitscht mir der Regen ins Gesicht und der Wind gibt sein Bestes, Argos und mich von der Straße zu pusten. Von den Knien abwärts bin ich in kürzester Zeit durchnässt - nicht die besten Bedingungen. Und doch brettere ich jauchzend ins Tal, mit einer Mischung aus Schmerzen, Trotz und Begeisterung - was für intensive Dinge man doch erleben kann! Etwa nach der halben Abfahrt beruhigt sich das Wetter wieder und mir kommen einige Mitfahrer entgegen. Die Armen, im Unwetter hoch fahren ist zumindest für die Moral noch schwieriger... Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe. In Winklern, dem Talort, lege ich an der selben Stelle meine Regensachen ab, wo ich dies auch vor einem Jahr, auf dem Weg nach Griechenland gemacht habe. Nostalgische Gefühle. Schnell noch ein Speckbrot und schon kommt der nächste Anstieg.

Im Hochtor-Tunnel

Der Großglockner ist ein scheuer Geselle (die Spitze rechts in der Wolke)


Der letzte richtige Pass des Tages

Als ich in Lienz einen Mc Donald's sehe, ist es gerade 20 Uhr - perfekt. An Ort und Stelle verspeise ich ein Maxi-Menü mit einem exotischen Burger und nehme mir vor, von nun an nur noch auf die Klassiker zu vertrauen. Immerhin habe ich das ultimative legale Dopingmittel bestellt - Cola, ahhhh. Alltags trinke ich so gut wie nie Cola, aber bei langen Radtouren gibt es kaum etwas, was mich mehr erfrischt. Zucker, Koffein und Kohlensäure... Noch ein paar Cheeseburger für unterwegs und für die Nacht und weiter. Nur noch 80 km bis Bruneck, dem heutigen Tagesziel meines optimistischen Szenarios. Motiviert trete ich in die Pedale. Das ist ja ein Katzensprung, in spätestens 4 Stunden werde ich da sein... Die ersten 25 km steigt die Straße mit knapp 2 % an. Kein Drama, aber ich komme doch langsamer voran, als ich mir wünschen würde. Kurz bevor es vollends dunkel wird, beginnt wieder der Regen und schwemmt meinen Optimismus ins Tal. Heute hätte ich gerne eine Unterkunft, aber ob ich zu dieser Zeit noch etwas in Bruneck finde? Auf Booking sehe ich ein Hotel, wo die Rezeption bis 24 Uhr geöffnet sein soll - hurra! Vorsichtshalber rufe ich an und erkläre, dass ich eventuell erst gegen viertel nach 12 da sein werde, da ich mit dem Fahrrad reise. Was der Herr wohl denken mag? Jedenfalls alles kein Problem, ich solle einfach kommen. Puh. Um kurz vor 12 komme ich tatsächlich an. Es ist ein nettes Hotel mit einem sicheren Platz für Argos und einer warmen Dusche für mich. Schnell (zumindest versuche ich es) wasche ich meine Sachen und hänge sie zum trocknen, esse noch einen Cheeseburger und falle dankbar in mein sauberes Bettchen.

334.4 km, 4433 hm, 21.7 km/h.

Sonntag, 9. August 2020

TPBR 2020: Tag 1 (Wien - Admont)

Als ich aufwache ist es halb acht. Es war eine erholsame Nacht und ich fühle mich frisch und erholt. Auch meine Stimmung hat sich aufgehellt: Das wird schon alles irgendwie werden. Beim Frühstück lerne ich Stefan und Jochen kennen, zwei Mitfahrer, die auch beide zum ersten Mal dabei sind. Wir unterhalten uns über unsere bisherigen Eindrücke, Erwartungen und Sorgen - und stellen fest, dass wir alles ganz ähnlich wahrgenommen haben. Zu sehen, dass hier nicht nur abgebrühte Haudegen sondern auch andere "normale" Typen am Start sind, ist für uns alle drei irgendwie beruhigend und gibt uns ein Gefühl der Verbundenheit und Erleichterung. Wir verabreden uns zum Mittagessen. Bis dahin möchte ich noch umpacken und einen schönen Tip von Leonie beherzigen: Ein Besuch im Stephansdom steht an. Es ist ein strahlender Tag und im Gegensatz zu gestern bahnt sich Argos heute seinen Weg durch das einzigartige, unbeschreiblich schöne und elegante Wien mit spielerischer Leichtigkeit. Wir bewundern großzügige, elegante Straßenzüge, prächtige Fassaden und die Wiener, die in dieser einmaligen Stadt leben, ohne sich selber allzu ernst zu nehmen. Einfach klasse.




Vor dem Stephansdom...

... und im Stephansdom - einer Absperrung sei Dank hier ohne Besucher

Im Dom zünde ich eine Kerze an, halte ein paar Minuten inne und spreche ein Gebet, bevor ich mit einem guten Gefühl zu Argos zurück kehre. Der wird derweil von Gérard aus Chamonix bestaunt. Er ist in seinen späten Sechzigern und von Chamonix mit seinem Randonneur (einem robusteren, langstreckentauglichen Rennrad) hierher gefahren. Als ich ihm von meinem Vorhaben erzähle wünscht er mir freundlich "Bonne Route, bonne Courage!".

Zum Mittagessen mit Stefan und Jochen gibt es endlich ein richtiges österreichisches Essen: Käspressknödel auf Salat und ein (alkoholfreies) Stiegl dazu. Ich genieße Essen und Gesellschaft: Wie gut, die beiden getroffen zu haben - es ist einfach angenehm mit ihnen. Irgendwann spricht Jochen einen Gedanken aus, den ich so unterschreiben würde: Was für ein Glück es doch ist, an so einer Veranstaltung teilnehmen zu können und wie unzählig viele Bedingungen dafür alle erfüllt sein müssen - ein Privileg eigentlich.

Gemeinsam radeln wir zum Start am Schloss Schönbrunn, wo nach und nach die Mitfahrer eintreffen. Heute nehme ich alles ganz anders wahr als gestern - offen, interessiert und vor allem optimistisch und in froher Erwartung. Ich unterhalte mich mit verschiedenen Mitfahrern, es ist eine heitere, gelöste, kameradschaftliche Stimmung. Der Start erfolgt ab 16 Uhr in Gruppen á ca. 20 Fahrern und um 16.09 Uhr geht es für Argos und mich los.

Schloss Schönbrunn


"Meine" Startgruppe


Die ersten 6 Kilometer sind vorgegeben, beherrscht fährt die Gruppe los. Ein Rennen über 2000 km gewinnt man nicht auf den ersten 6 km. Und doch spüre ich kribbelnde Aufregung in mir: Gerade beginnt, worauf ich mich seit über sieben Monaten vorbereitet habe. Oft war es ein abstraktes, unfassbares Ziel, aber es hat mein Leben doch stets bestimmt - jetzt wird es Realität. Ich versuche, mein eigenes Tempo zu fahren und bin doch schneller als die meisten anderen. "Piano...", rufe ich mich zur Ordnung, und hänge mich mit reichlich Abstand an einen Typen, der eine gute Geschwindigkeit fährt. Nach den 6 Kilometern trennen sich die ersten Wege: Manche wollen die Großglocknerstraße von Süd nach Nord, ich von Nord nach Süd überqueren. Mein Pacemaker hat offenbar eine ähnliche Route wie ich. Bei der nächsten Gelegenheit quatsche ich ihn an - aber während die meisten Mitfahrer, dankbar für einen Aufhänger, freundlich antworten, bekomme ich von ihm eine abweisende Antwort. Ich unternehme noch einen weiteren Versuch, aber seine Antwort ist wieder barsch. Na schön, anders als zwischenzeitlich angenommen gibt es womöglich sogar hier 2 % unsympathische Menschen; 1 % habe ich jedenfalls gerade gefunden. Nach 30 km biegt er links ab und ich rechts - endlich alleine. Ich schicke einen Dank gen Himmel, dass ich meine Route nicht, wie offenbar 95 % der Mitfahrer, mit Komoot geplant habe, sondern mit Brouter, einer Software deren Algorithmus ich für absolut überlegen halte. Effiziente und nicht überlaufene Routen. Argos und ich rollen in der Spätnachmittagssonne zwischen Feldern und Ortschaften hindurch, mühelos, wie von selbst. Irgendwann sehe ich wieder ein paar vereinzelte Mitfahrer, aber bald verlieren wir uns wieder aus den Augen. Herrlich. Gegen 22 Uhr komme ich an einem Schloss vorbei und mache ein Foto, als mein unsympathischer Pacemaker vom Anfang an mir vorbeiradelt - grußlos, versteht sich. Gelassen lasse ich ihn ziehen. Im nächsten Ort fülle ich an einem Brunnen meine Flaschen auf und halte bei einem Dönerladen. Eine Cola und ein Döner werden sofort inhaliert, der zweite kommt als Nachtessen mit. Zu meinem Übernachtungsziel, Admont, sind es noch rund 50 km. Inzwischen ist es Nacht und die Straße windet sich durch dunkle Wälder in die Berge. Gegen 23 Uhr fährt ein Auto neben mich und bleibt auf meiner Höhe: "Alles ok bei Dir, brauchst Du Hilfe?" - "Nein nein, alles gut, danke." - "Wo willst Du denn eigentlich hin?" - "Nach Admont." - "Um diese Zeit??" - "Naja, wir machen hier so ein Rennen...". Das zieht. Sie wünschen mir alles Gute und fahren ihres Weges. Schon rührend, dass sie nachgefragt haben. Nach 45' kommt mir ein Auto entgegen und hält ein paar Meter hinter mir. Vollbesetzt, Fenster unten, Musik an: "Ey High Five, was machst Du denn hier?" Schnell erzähle ich meine Geschichte und mit einer Mischung aus Belustigung und Begeisterung machen sie ein paar Witze und bieten mir an, mich ein Stück mit zu nehmen...

Einer der vielen Trinkwasserbrunnen in Österreich

Gegen 0.30 Uhr kommen Argos und ich in Admont an. Ich habe mir bereits ein paar mögliche Schlafplätze ausgeguckt - meine Wahl fällt auf den überdachten Bereich eines Billa-Supermarktes, wo die Einkaufswagen stehen. Während ich mein Lager ausbreite (Isomatte, Schlafsack, Kopfkissen) und mich fertig mache (Zähne putzen, Katzenwäsche mit feuchten Tüchern...), kommen ein paar Mitfahrer vorbei, die aber keine Notiz von mir nehmen. Um halb zwei liege ich endlich in meinem Schlafsack und mache die Augen zu.

207.5 km, 1806 hm, 26.2 km/h.

Freitag, 7. August 2020

TPBR 2020: Der Tag vor dem Start

Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Nicht schon wieder, ich habe mich doch gerade erst hingelegt! Die letzten Tage hatte ich mir bereits frei genommen, um noch alles mögliche zu erledigen. Natürlich die Routenplanung (wo werde ich wann sein, wo könnte ich schlafen, wo könnte ich einkaufen, Alternativrouten bei schlechtem Wetter...), die Packliste (die Frage ob ich wirklich eine zweite Radhose mitnehme hat mich lange beschäftigt - ich habe mich schließlich dafür entschieden) und alle denkbaren Arbeiten an Argos (neue Bremsbeläge, Bremsen entlüften und reinigen, neue Brems- und Schaltzüge, neues Lenkkopflager, neue Kurbel mit bergtauglicher Übersetzung, neues Tretlager, neues Lenkerband, neue Reifen, die Lichtanlage sauber verkabeln (danke Frederic!!), reflektierendes Klebeband anbringen (fordert der Veranstalter)...). Außerdem habe ich mir noch meine eigenen Müsliriegel gebacken, von denen ca. 1.8 Kilo mitkommen... Und wahrscheinlich habe ich noch die Hälfte vergessen. Jedenfalls war es am Vorabend wieder spät. Aber dafür brauche ich mir jetzt nur noch die Zähne zu putzen, mich anzuziehen und dann geht es los. Ich hieve den gut 20 kg schweren Argos die Treppe hinunter (inkl. Riegeln und Wasser) und wir rollen zum Hauptbahnhof. Dort habe ich noch Zeit, mir etwas vom Bäcker zu kaufen; nur Kaffee gibt's leider keinen: Im Zug möchte ich nochmal schlafen. 
Ein Berg Müsliriegel - sollte für 20 Betriebsstunden reichen ;)

Argos fertig gepackt


5.15 Uhr am Düsseldorfer Hauptbahnhof

Der Zug, ein durchgehender ICE4, ist pünktlich. Ich finde meinen Platz, setze die Schlafmaske auf und versuche mein Bestes, nochmal einzuschlafen. Aber ich bin unruhig. Habe ich wirklich alles dabei? Habe ich genug trainiert? Was wenn ich superlangsam sein werde? Je schläfriger ich werde, desto absurder werden meine Bedenken... Außerdem nimmt der Zug die alte Bummelstrecke am Rhein entlang, anstatt der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt. Bei dem eierigen Gekurve kann ich sowieso nicht schlafen. Bei Bingen gebe ich auf, nehme die liebe Schlafmaske ab und hole mir einen Kaffee - die Nacht ist offiziell beendet. Noch etwas zerknittert schaue ich aus dem Fenster, als sich plötzlich jemand schwungvoll neben mich setzt - Jost!! Wir kennen uns von zwei Brevets, die wir im Winter gemeinsam gefahren sind, und auch er nimmt am Three Peaks teil. Wir unterhalten uns über alles mögliche, was den Umstand, dass der Zug wirklich an jeder Milchkanne hält, erträglich macht. Und als wir uns nach einigen Stunden alles erzählt haben, kommt Mike Opelt, ein weiterer Teilnehmer, dazu und die Unterhaltung beginnt von neuem. Meine unterschwellige Anspannung spüre ich aber immer noch - mir brummt der Schädel. Und ich merke, wie ich mich immer mehr aus dem Gespräch zurückziehe.

Als wir endlich ankommen, müssen die beiden noch ihre Räder zusammenbauen, ich hingegen fahre direkt zum Check In des Rennens. Das Zurechtfinden in der Stadt fällt mir merkwürdig schwer, Radwege, Ampeln, Autos, Fußgänger... An einer Ampel trete ich im hohen Gang mit Kraft an und die Kette wird vorne abgeworfen. Ich merke es zu spät, trete etwas zu lange weiter, und als ich die Kette wieder aufgelegt habe schleift sie vorne am Umwerfer. So ein Mist! Offenbar hat er sich verstellt. Wo hohe Kräfte sinnlos walten... Panik schwallt in mir auf, mit Anstrengung kämpfe ich sie nieder: "Ein bisschen Schleifen ist jetzt egal, im Hotel stellst Du es einfach in Ruhe wieder ein.". Dennoch beunruhigt mich diese kurze Episode, vor allem weil sie mir vor Augen führt, wie dünnhäutig ich bin. Der Check In ist in einem Fahrradladen (The BikePacKing Shop), vor dem ein Gewusel aus Teilnehmern herrscht. Ich erkenne einige Mitfahrer, die ich von ihren Blogs kenne und sehe Ulrich Bartholmös, einen der Top-Favoriten, der berühmt für schnelles Fahren und berüchtigt für niedrigen Schlafbedarf ist... Alle scheinen sich zu kennen, stehen gut gelaunt herum, unterhalten sich über Training, Material und Heldentaten - rasierte, muskulöse und oft tätowierte Beine, wettergegärbte Gesichter, sehnige Körper umspannt von braungebrannter Lederhaut, Carbon, Titan, Carbon. Und Argos und ich mitten drin. Au Backe, was hat mich nur geritten, uns hier anzumelden?! "Kondition statt Carbon.", brummt mir Argos lakonisch zu. Ihn scheint das alles nicht zu beeindrucken. Ich hingegen bin ziemlich verschüchtert. Ja, ich habe fleißig trainiert, aber die Leute hier sind alle keine Chorknaben...

Wir passieren den Bike Check (bremsen die Bremsen, klappert auch nichts, hat man funktionierendes Licht und ausreichend Reflektorband?), danach bekomme ich unseren Tracker und als ich ein paar unterschriebene Dokumente abgebe, lerne ich den Organisator kennen. Michael Wacker ist mir auf Anhieb sympathisch: Trockener münsterländischer Humor, genau die richtige Mischung aus cool und nett. Er macht ein paar auflockernde Witzchen und ich bin dankbar, dass ich mich nicht mehr ganz so fehl am Platz fühle.

Ein paar letzte Formalitäten...

Check In beim The BikePacKing Shop in Wien

Der strahlende Argos im Hotelzimmer


Als alle Formalitäten erledigt sind, mache ich mich direkt auf den Weg zu meinem Hotel. Argos darf mit aufs Zimmer und auf dem Bett sitzend esse ich ein paar Leckereien, die ich unterwegs bei einem Bäcker gekauft habe. Als ich fertig bin, fühle ich mich regelrecht erschöpft. Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Pessimismus - plötzlich wird es mir klar: Ich habe Migräne. Eigentlich möchte ich meine Ausrüstung effizienter packen und den Umwerfer einstellen, aber ich kann es jetzt nicht. Der Gedanke, morgen das Rennen in Angriff zu nehmen, erscheint mir absurd, ich kann mir nicht vorstellen, auch nur einen Kilometer zu fahren. Oh je. Ich lege mich aufs Bett und verfalle in einen merkwürdigen Dämmerzustand (richtig schlafen kann ich mit Migräne nie). Irgendwann klingelt das Telefon, meine Schwester möchte mir alles Gute wünschen. Etwas orientierungslos aber froh, ihre liebe Stimme zu hören, nehme ich ab. Als sie meinen Zustand bemerkt, muss ich sie regelrecht überreden weiter mit mir zu sprechen, weil sie mich nicht anstrengen möchte. Danach dämmere ich weiter vor mich hin. Irgendwann ist es 21 Uhr, ich fühle mich immer noch schlecht, aber ich weiß dass ich etwas essen soll. In einem abgeranzten Laden kaufe ich bei einem netten Typen ein paar Stücke Pizza. Eigentlich hatte ich mich auf ein schönes, österreichisches Abendessen gefreut, aber daran ist jetzt nicht zu denken. Zurück auf meinem Zimmer zwinge ich mir ein Stück rein und bleibe erschöpft auf dem Bett sitzen. Das muss doch irgendwann besser werden?! Wird es dann auch. Allmählich merke ich, wie die Anspannung von mir abfällt, meine Nerven sich beruhigen. Kraft und Zuversicht kommen wieder: Die Migräne geht und lässt mich mit einem Gefühl der Erleichterung und tiefer Dankbarkeit zurück. Gottseidank!

Mit einem Blick erfasse ich, was noch zu tun ist: Packen mache ich am besten morgen nach dem Frühstück, Umwerfer einstellen jetzt. Ansonsten die restliche Pizza essen, Zähne putzen, schlafen. Ein Kinderspiel, was mir vor ein paar Stunden als unüberwindbare Hürde erschien... Endlich kann ich Situationen wieder klar erfassen und angemessene Entscheidungen treffen. Vielleicht wird doch alles gut gehen? Mit Appetit esse ich die Pizza und bald ist alles erledigt. Erfüllt von Dankbarkeit sinke ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Mittwoch, 22. Juli 2020

Am Samstag geht's los...




Diesen Samstag um 16 Uhr startet das Three Peaks Bike Race 2020 - endlich. Von Ruhe vor dem Sturm kann allerdings keine Rede sein: Zu viele Dinge müssen noch recherchiert, geplant, besorgt, eingestellt und bedacht sein. Gottseidank habe ich mir, einer inneren Eingebung folgend, vorsorglich ein paar Tage frei genommen - völlig untypisch für mich...

Seit Beginn dieses Jahres, spätestens seit März dreht sich, außerhalb des Büros, fast alles nur noch um das Rennen. Training und Vorbereitungen sind zentraler Teil meines Alltags geworden. Ehrlich gesagt habe ich den Umfang der Vorbereitungen für dieses Projekt zu Beginn unterschätzt: Das eigentliche Rennen beginnt schon lange vor dem Rennen... Aber bisher war es wirklich eine geniale Erfahrung.

Aber Blick nach vorne: Freitagmorgen bringt mich die Bahn von Düsseldorf nach Wien, wo ich am frühen Nachmittag ankommen werde. Dort gibt es einen kleinen Check In, wo unter anderem geschaut wird, ob das Licht funktioniert und ob Argos mit ausreichend reflektierendem Klebeband geschmückt ist - sieht wirklich nach Kriegsbemalung aus... Die restliche Zeit bis Samstagnachmittag werde ich mit ein wenig Siteseeing und reichlich essen verbringen. Und um 16.09 Uhr (man startet in Gruppen) geht es dann endlich los für Argos und mich. Er ist übrigens mehr als zuversichtlich, ich verspüre inzwischen eine leichte Nervosität...

Obwohl es ja für mich um keinen Blumentopf geht, werde ich während des Rennens kaum Zeit haben, hier darüber zu berichten - das mache ich dann nachträglich. Das Rennen verfolgen kann man am besten über dotwatcher.cc: Dort sieht man rund um die Uhr die Positionen der Teilnehmer (meine Startnummer ist 25) und in der Regel gibt es sogar noch eine Tageszusammenfassung. Und falls jemand diese sozialen Netzwerke nutzt: In Facebook und Instagram findet man Einträge zum Rennen unter #TPBR2020 und #threepeaksbikerace - es wird sicher tolle Bilder zu sehen geben.

Ich werde mich nun weiter um meine Vorbereitungen kümmern. Bitte drückt mir beide Daumen, viel Spaß beim Dotwatching und herzliche Grüße,

Thomas :)