Dienstag, 4. Juni 2019

Tag 10: Von Benkovac nach Baska Voda an der Adria

Heute werde ich vom Licht geweckt. Ich möchte gerade nach meiner Schlafmaske greifen, als ich doch auf die Uhr schaue: 5 Minuten bevor der Wecker klingelt. Also stehe ich auf und mache mich schnell fertig, um 8 Uhr möchten meine Gastgeber nach Beograd fahren, also muss auch ich dann los. Als ich runterkomme, hat Josef gerade das Auto aus der Garage geholt: Eine blitzsaubere Mercedes C-Klasse der ersten Generation. Überhaupt ist alles sehr schön und gepflegt bei den Beiden, vom Haus bis zum Garten. "Tu veux un petit goût avant tu pars?", fragt er mich, und so trinken wir noch schnell einen Schnaps, bevor wir losfahren. Mila fragt, ob ich noch einen zweiten wolle, aber Josef ist streng: Vor der Fahrt gibt es nur einen. Wir verabschieden uns sehr herzlich und während sie sich schon auf den Weg machen, frühstücke ich noch schnell beim Bäcker.

Mein Weg führt mich bald über sehr kleine Straßen - in den ersten 20 km begegnen mir gefühlt 4 Autos. Die Atmosphäre ist äußerst klar, so dass die schon hochstehende Sonne alle Farben unglaublich intensiv erleuchten lässt. Ich bewundere das Blau des Himmels, das Grün der Büsche, das Rot des Mohns, das Lila der Disteln und das Gelb des Ginsters: "Heute wird ein prächtiger Tag", denke ich und radele froh vor mich hin.

Irgendwann komme ich an einem Schild vorbei, das offenbar auf einen Nationalpark hinweist. Es ist nicht das erste Schild, und ich bin zunächst nicht sonderlich beeindruckt. Aber dann führt die Straße von dem Hochplateau in eine Schlucht, die sich zu einem Tal aufweitet. Unten liegt ein smaragdgrüner See. Argos und ich Kurven schnell die Straße hinab, was ein echtes Vergnügen ist. Unten führt die Straße über einen Fluss, der sich zum Teil über Steilstufen in den See ergießt und sich in viele kleine Bächlein verzweigt. Es ist erfrischend kühl, es rauscht und alles ist super grün und fruchtbar. Wirklich toll, der Nationalpark Krka (kein Rechtschreibfehler, die kroatische Sprache ist ziemlich sparsam mit geschrieben Vokalen).

Eine Straße nur für Argos und mich


Fein säuberlich sortierte Steine
Man beachte den Spruch im Rahmendreieck






Dies muss der Silbersee sein. Wo ist der Schatz?


Wacht sie nochmal auf? Vielen Schlangen wird hier offenbar das Sonnen auf dem Asphalt zum Verhängnis
Nachdem Argos und ich auf der anderen Seite wieder aus dem Tal herausgeklettert sind, geht es weiter über das Hochplateau, vorbei an Blumen in prächtigen Farben, einer Zementfabrik, über eine nagelneue Straße, die wir die meiste Zeit für uns haben.


Ich habe keinen Filter etc. benutzt. Einfach die Handykamera

Auch hier kein Filter - es sah genau so aus

Interessante Design-Features an einem Radial-Lüfter?
Nach 65 km gönne ich mir ein Eis. Eigentlich hatte ich vor, dann nach 85 km irgendwo zu Mittag zu essen. Aber wie gestern finde ich schlicht kein Restaurant. Nach 105 km komme ich immerhin an einem kleinen Supermarkt vorbei und kaufe etwas Brot, eine Fleischwurst (400 g), etwas das aussieht wie Hüttenkäse (400 g), einen Apfel und eine Orangenlimonade. Picknick ist angesagt. Die Fleischwurst schmeckt allerdings ziemlich fad und der Hüttenkäse auch ganz anders, als ich ihn in Erinnerung habe. Lustlos esse ich, soviel ich kann, einen kleinen Rest Wurst und Käse werfe ich schweren Herzens weg. Nun hört meine Strähne offenbar auf: Bald ist der Weg meiner Route nicht mehr asphaltiert, und Argos Reifen sinken oft so tief in den Kies / Sand, dass ich ihn kaum noch kontrollieren kann. Das wird so nichts - ich entscheide mich, das Gebiet weiträumig zu umfahren, was ca 15 extra km sind. Zwischenzeitlich sind auch einige Wolken aufgezogen, und als ich noch 35 km bis zum Ziel habe, fängt es kurz an hu regnen. "Mist", denke ich. Langsam ist der Zenit meiner Motivation überschritten. Ich möchte gerne bald ankommen. Am vorletzten Anstieg schalte ich in den drittkleinsten Gang, gehe aus dem Sattel und "Peng", bricht eine Speiche am Hinterrad. Aber ich habe ja nun Übung und mache mich direkt ans Werk. Als ich Mantel und Schlauch schon abgenommen habe wird mir bewusst, dass ich direkt wieder zusammenbauen kann. Die Speiche ist an der Antriebsseite gebrochen. Um eine neue einzuführen, muss man die Kassette entfernen. Und dazu benötigt man ein paar Werkzeuge, die ich eben nicht dabei habe :( Also trägt der treue Argos mich dieses Mal humpelnd zu meinem Bestimmungsort (die Felge eiert sichtbar). Gottseidank kommen wir trocken in Baska Voda an und finden auch schnell ein nettes Zimmer.

Schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig


Natürlich wieder im Nippel gebrochen :(




Laut Eigentümer gibt es einen Fahrradladen im nächsten Ort, 8 km von hier. Ich hoffe sehr, dass sie uns helfen werden. Und dass danach Ruhe ist, denn ein Speichenbruch kommt selten allein. Wenn mir das in Albanien auf dem Land passiert, bin ich mir nicht sicher ob ich schnell jemanden finden werde, der mir helfen kann. Aber morgen ist ein neuer Tag. Gute Nacht für heute.

Sonntag, 2. Juni 2019

Tag 9: Von Senj entlang der Küste nach Benkovac (Dalmatien)

Irgendwann in der Nacht kitzelt mich immer wieder etwas im Gesicht. Mehr schlafend als wach, versuche ich es wegzuwischen. Sollte es etwa doch eine Mücke in mein Netzzelt geschafft haben? Plötzlich brist es stark auf. Was ist denn los? Ich Nehme die Schlafmaske ab und richte mich auf: Es regnet. Das darf doch nicht wahr sein, für die ganze Nacht war die Regenwahrscheinlichkeit < 10 % angegeben. Ich schaue aufs Handy: Aktuell 65 %, nächste Stunde 35, dann wieder < 10%. Sch…ade. Aber keine Zeit, sich zu ärgern: Es sprüht ins Zelt, gottseidank noch nicht so stark, aber vernehmlich. Ich packe schnell meine verstreuten Habseligkeiten in die Tasche, nehme mein Bett (Luftmatratze, Laken, Schlafsack und Kissen) und gehe in Richtung Eingang. Irgendwo dort wird sicher ein Vordach sein, unter das ich mich legen kann. Mein Zelt überlasse ich sich selbst. Das einzige Vordach, dass ich finde ist das vor der Tür zu den Waschräumen und überdeckt eine Fläche von bescheidenen 2 qm. Ich ärgere mich. Warum habe ich nicht einfach ein ganz normales Zelt mitgenommen. Dieser blöde Gewichtsgeiz. Ich suche mir zwei Stühle, gehe in en Waschraum, packe mein Bett auf den einen und mich in den anderen. Schlafmaske drauf und entspannen. Nach 20 Minuten hört der Regen auf. Ich warte noch einen Moment und gehe zurück zum Zelt. Nur ein paar Tropfen Wasser drinnen. Mit meinem Outdoorhandtuch (eigentlich ein überdimensionales Mikrofasertuch) wische ich kurz entschlossen das Zelt aus. Es hat sich doch schon ganz schön viel Wasser gesammelt, und der Boden ist immerhin dicht. Ca. 45‘ nachdem ich aufgewacht bin, liege ich wieder im Zelt. Es war vorher so gemütlich, bequem und sicher. Nun fühle ich mich darin ziemlich verwundbar. Aber die Schlafmaske hilft, der Rest der Nacht verläuft ohne weitere Zwischenfälle und ich fühle mich gut erholt und frisch (ehrlich Mama).


Warum nur sind diese Inseln so trocken (hier Krk)?


Nachdem ich das Zelt getrocknet (muss ich auch ohne Regen machen, selbst in diesem Zelt bildet sich Kondenswasser), und zusammengepackt habe, hole ich mir beim Bäcker Frühstück, was ich an einer Bank an der Promenade zu mir nehme. Danach nehme ich noch einen Cappuccino (1.30 € - diese Preise irritieren mich immer noch) in einem Café und fühle, dass ich weiter muss: Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist.

Also geht’s los, 120 km entlang der Küste, bevor wir nach Westen, nach Dalmatien abbiegen werden. Die Küstenstraße ist, was soll ich sagen, in Traum. Sie schlängelt sich mal direkt am Meer entlang, mal 300 hm oberhalb (dementsprechend bietet auch die 3. Dimension reichlich Abwechslung). Rechts sieht man zunächst die Insel mit dem unaussprechlichen Namen Krk, und dann entsprechende weitere Inseln (die Kornaten?). Dazwischen azurblaues Meer. Links eine Berglandschaft, dass man jeden Moment mit Winnetous Erscheinen rechnet. Entsprechend ist die Straße gut befahren, hauptsächlich von deutschen Motorrädern und deutschen Wohnmobilen… Ist überhaupt noch irgendjemand in Deutschland? Trotzdem lässt es sich angenehm fahren, Argos und ich saugen die Straße in uns auf.
Irgendwann stehen schon 65 km auf dem Tacho, als wir durch einen größeren Ort kommen. Sollte ich vielleicht hier etwas essen? Ach ne, lieber erst in 5 – 10 km. Es kommt aber nichts. Zuvor gab es im Abstand von je einem Kilometer mindestens ein Restaurant, nun gibt es nur noch Zimmer zu vermieten. Müssen die armen Gäste denn nie essen? Ich beginne schon, mich mit der Idee abzufinden, von meinen Müsliriegeln zu essen, als nach 95 km hinter einer Kurve gleich zwei Restaurants auftauchen. Ich bin gerettet. Heute steht mir nicht der Sinn nach Elaboriertem: Mixed Grill Teller mit Pommes, gemischter Salat und nochmal Palatschinken (diesmal schön traditionell mit Marmelade) zum Dessert. Dazu verputze ich sämtliches Brot, was sie mir gebracht haben.



Leider noch nicht reif


Das war gut. Als ich weiterfahre, würde ich eigentlich lieber ein Schläfchen machen. Entsprechend unmotiviert trete ich in die Pedale, als kurz vor mir zwei Typen mit Mountainbikes auf die Straße biegen. Da sie noch kaum Fahrt haben, ziehe ich direkt vorbei. Ich radele so vor mich hin, als ich irgendwann direkt hinter mir einen Freilauf rasseln höre. Nur Amateure sehen sich in solchen Momenten um, der Profi lässt sich nicht beeindrucken und ist auf alles vorbereitet. Ich versuche, den Profi zu geben, halte mein Tempo, bis tatsächlich die beiden Mountainbiker vorbei ziehen. Ich hatte mit einem windhundartigen Rennrad gerechnet, und dann DIE? Aufrecht wie ein Schränke sitzen sie im Wind, die Arme extrem weit auf dieser bizarren Lenkerstange auseinander – eine aerodynamische Katastrophe. „Egal“, denke ich. Aber Argos ist da anderer Meinung „Von den zwei Dingern lasse ich mich nicht überholen! Los, mach Dich klein und gib Kette!“. Na schön, manchmalmuss ein Jagdhund jagen. Ich lege mich auf die Aerobars und versuche, Argos bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Zwischenzeitlich sind wir rund 100 m zurück, aber dann wird der Abstand wieder kleiner. Nach ein paar Kilometern, an einer Steigung, sind wir nur noch 10 m hinter ihnen, als der hintere beginnt hektisch zu schalten und spürbar langsamer wird. Der vordere, er trägt ein England-Trikot, zieht noch etwas mehr, bricht aber auch ein. Wir fahren auf seine Höhe. „Bleib in den Aerobars, das vermittelt Entschlossenheit“, knurrt Argos mir zu. „Where are you from?“, frage ich ihn überflüssigerweise. „From England,“ die vorhersehbare, kurzatmige Antwort. „You?“. „From Germany“, antworte ich. Wir unterhalten uns kurz über unsere Urlaubspläne – die beiden sind auf Leihrädern ihres Aktivhotels unterwegs – und dann ziehen Argos und ich weiter. Zugegeben: Die beiden waren gut und gerne 20 Jahre älter als ich, es war also keine sportliche Heldentat. Aber unabhängig davon gibt so ein kleines Scharmützel manchmal mehr Energie, als es gekostet hat :)
Irgendwann ist die Küstenstraße vorbei und wir biegen nach Westen, nach Dalmatien ab. Die Landschaft ist hier ganz anders: Grüner, sanftere Hügel, viel Landwirtschaft. Es ist Sonntagnachmittag, und offenbar gehört es für die Männer hier in vielen Dörfern dazu, Boule zu spielen. Die Dörfer, die wir durchfahren sind völlig untouristisch.  Wenig touristisch ist zwar immer gut, aber ein Zimmer möchte ich diese Nacht schon gerne haben. Und laut Booking gibt es in meine Zielort – nichts. Hoffentlich finde ich so etwas. Als das Navi „Ziel erreicht“ zeigt, stehe ich gerade vor einer baufälligen Fassade – hoffentlich ist das kein Omen. In eine Restaurant frage ich, wo man ein Zimmer mieten könne, und man schickt mich zu Josef und Mila. Die beiden sind um die sechzig und haben ein großes schönes Haus, in dem sie Zimmer vermieten. Da sie einige Jahre in Frankreich gelebt haben, ist französisch die Sprache der Stunde (danke, Nicolas, für das aufpolieren meines Touristenfranzösich!). So laden sie mich zur Begrüßung direkt auf einen selbstgebrannten Schnaps ein – Raki. Ist wohl das gleiche wie Tsipouro oder Grappa, aber wirklich fein, ohne zu brennen und voller Aroma :) Zum Abendessen gibt es zur Abwechslung mal eine Pizza und nun liege ich schon müde im Bettchen.

Noch zwei Worte zu meiner Verfassung: Passt alles. Bei Aufstehen oder hinsetzen zieht meistens irgendetwas. Aber auf Argos ist es meist wieder ok. Der Hintern tut halt manchmal weh, aber es wird nicht mehr schlimmer. Das Knie ist fast wieder unauffällig und der Nacken ebenso. Die Beine sind natürlich nicht mehr taufrisch, aber fühlen sich beim Radeln immer noch gut an.

Morgen geht's wieder an die Küste, südwärts, nach Baska Voda. Gute Nacht für heute.



"Ziel erreicht"

Tag 8: Von Triest durch Slowenien nach Senj (Kroatien)

Mein Zimmer ist heute erstaunlich dunkel: Als der Wecker klingelt, schlafe ich noch tief und brauche wieder einen Moment, um mich zu orientieren. In Erinnerung der schweren Beine vom Vorabend, stehe ich vorsichtig auf. Beim Frühstück überlege ich, was ich machen soll. 155 km stünden heute an, mit schon einigen hm. Durch Slowenien nach Kroatien. Raus aus Italien. Sollte ich einen Ruhetag einlegen? Ich suche mit dem Handy nach Unterkünften, Triest ist offenbar inzwischen doch beliebter geworden. So richtig toll ist das alles nicht. Irgendwann bricht die WLAN-Verbindung ab. Das ist ein Zeichen: Ich soll weiterfahren. Eigentlich fühlen sich die Beine besser an, als befürchtet. Ich möchte einfach nicht aus Triest, aus Italien weg. Es war mir noch zu kurz, ich würde gerne länger hier bleiben. Auch hier ist das (Rad)Reisen wieder eine Parabel auf das Leben: Manchmal muss man sich von etwas lieb gewonnenem lösen und nach vorne blicken: Auch die kommenden Länder werden ihre Reize haben. Ich packe meine Sachen, hole Argos aus seinem Nachtlager, nehme noch einen (vorerst) letzten Cappuccino, und dann sind wir wieder unterwegs.

Aus Triest raus geht es erstmal ziemlich steil bergauf. Schnell werden die Häuser kleiner und flacher, bis die Bebauung tatsächlich einen dörflichen Charakter bekommt. Bis ich auf einem gegenüberliegenden Hügel ein Gebäude wie aus einem Endzeitfilm sehe: Ein riesiges Wohnhaus, ein Betonklotz, mit reichlich verwitterter Fassade. Ein trauriger Anblick und starker Kontrast zu den prächtigen Palazzi unten in der Stadt - jedes Land hat auch seine Schattenseiten.

Licht...

... und Schatten.
Hinter Triest kommt auch schon schnell die Grenze. Allerdings merkt man nichts davon, Schengen sei Dank. Ich mache schnell das obligatorische Foto und weiter geht's. Die Straße ist gesäumt von Bäumen, rings ist alles grün, die Häuser sehen genau so aus, wie in Italien. Mir kommen mehr Radler als Autos entgegen, und meinen gewunkenen Gruß erwidern die allermeisten mit "ciao". Offenbar die Hausstrecke der Triesteser. Ist aber auch wirklich schön. Gewissermaßen fahre ich jetzt durch den Anschluss der Halbinsel Istrien. Die Straße wellt sich durch eine grüne Landschaft, und bei den Abfahrten wird mur wieder bewusst, warum man sagt, dass das Radfahren dem Menschen ein Gefühl vom Fliegen vermittele. An einer Kreuzung biege ich ab und sehe in ein paar hundert Meter Entfernung eine andere Radfahrerin vor mir. "Na warte, Dich habe ich gleich!", denke ich. Ed dauert aber doch ganz schön lange, bis ich halbwegs an ihr dran bin. Sie fährt ein Crossbike (in den 90ern wäre es als leichteres Mountainbike durchgegangen), in aufrechter Haltung. Ihre Trittfrequenz ist mindestens 20% niedriger, als meine. "Das muss doch ein E-Bike sein.", denke ich. An den Anstiegen vergrößert sich unser Abstand wieder. Während ich versuche, mit (halbwegs) konstanter Leistung zu fahren, macht sie stumpf konstanze Geschwindigkeit. Sie schaltet kaum, sondern geht nur kurz aus dem Sattel, wenn es ihr zu arg wird. Ich muss an einen Schiffsdiesel denken, Zweitakter. An ihrem Fahrrad, kann ich nirgendwo einen Akku oder Motor erkennen. Die Dame wird mir unheimlich. Anstatt sie mir weiter zurecht zu legen, beschließe ich, einfach hinter ihr zu bleiben. Nichts ist peinlicher, als zu überholen und am ersten Anstieg einzubrechen. Nach einigen Kilometern verlangsamt sie doch ihr Tempo. Nun muss ich vorbei, sonst denkt sie noch ich wolle sie ärgern. Ich bleibe kurz auf ihrer Höhe. "Hi." - "Bonjour.", antwortet sie. "Good pace." lächle ich sie an, und bereue es sofort: Wer bin ich, ihr zu sagen wie sie fährt? Aber sie hat es mir nicht übel genommen: "Thank you." kommt freundlich zurück, und ich gebe Argos die Sporen, während sie sich (vermutlich aus Höflichkeit), zurück fallen lässt.

Ach Italien, muss ich schon gehen?



Die fliegende Slowenin
Bald kommt auch schon die Grenze. Aus irgendwelchen Gründen gilt zwischen Slowenien und Kroatien das Schengener Abkommen nicht, so dass es Kontrollen gibt - und mitunter sogar Schlangen. Ist wohl eher eine Formsache, denn niemand sieht sich meinen Ausweis an. In Kroatien bekomme ich langsam Hunger. Bei der nächstbesten Konoba (Restaurant?) kehre ich ein. Ich entscheide mich für eine Tagliata und ein Dessert, dessen Name mich irgendwie an Palatschinken erinnert. Dazu eine Apfelschorle und ein Kaffee. Dafür muss ich ca. 13 Euro bezahlen. Es war kein touristischer Laden, aber mir wird bewusst, was für ein günstiges Urlaubsland Kroatien ist. Und mit einer vielseitigen Küche, mit italienische und KuK Einflüssen.

Ein Anblick, den man als EU-Bürger nicht mehr gewohnt ist


Tagliata di Manzo (Roastbeefstreifen auf Rucola)

Tatsächlich ein Palatschinken - die kroatische Küche bietet das Beste aus verschiedenen Welten
 Bald komme ich nach Rijeka. Ich fahre nur durch, aber fühle mich etwas an Genua erinnert: Eine Hafenstadt mit z.T. rauheren Außenvierteln und einer tollen Innenstadt. Hinter Rijeka fahre ich die Küstenstraße entlang. Die Landschaft wird nun immer mediterraner, es ist sommerlich warm, ales sehr angenehm. Zur Feier des Tages gönne ich mir an einer Tankstelle ein Eis am Stiel (eine kroatische Marke - sehr lecker) und bald bin ich schon in Senj. Für die Nacht ist kein Regen vorhergesagt, es gibt einen schönen Campingplatz direkt am Meer - endlich wieder zelten. Zum Abendessen gibt es eine feine Dorade und ein Glas lokalen weißen Malvasia (in Deutschland habe ich von der Rebsorte noch nie gehört, aber geschmack- und namentlich erinnert er stark an den Malagousia, den ich aus Griechenland kenne ;) ). Morgen geht es in einen Ort namens Benkovac, nicht direkt an der Küste und kaum touristisch - bei Booking ist dort keine Unterkunft gelistet. Mal sehen :) Gute Nacht für heute.






Samstag, 1. Juni 2019

Tag 7: Über den Plöckenpass durch Friaul-Julisch Venetien nach Triest

Heute werde ich von der Sonne geweckt – um 6 Uhr. Obwohl ich nicht wach werden will, werde ich fast etwas hektisch, während ich nach meiner Schlafmaske suche. Als ich sie gefunden habe, bekomme ich nochmal 2 Stunden Schlaf, bis mich der Wecker um 8 Uhr endgültig weckt. Die Schlafmaske ist super.

Als ich zum Frühstück gehe, sehe ich vor dem Eingang ein wirklich spezielles Vehikel: Ein Faltrad mit Rennlenker, Kettenschaltung (105, eine Rennradgruppe), Rennradreifen in geschätzten 24 Zoll und gefederter Schwinge. Drinnen sehe ich dann den Fahrer: Ein Japaner, geschätzt Ende 50, der offenbar von Tokio samt Radl nach Europa geflogen, und alleine von Kroatien nach Österreich gefahren ist. Nun möchte er zurück nach Venedig, von wo er nach Dubai fliegen wird… Wie alle Japaner, die ich bisher erlebt habe, ist er bescheiden und von ruhiger Höflichkeit. Zusammen mit unseren quirligen, immer gut gelaunten Gastgebern geben alle ein schönes Bild ab. Ich unterhalte mich noch mit ein paar italienischen Radreisenden und dem Chef. Letzterer kommt aus Neapel und ist erst seit November in Österreich. Als ich ihn frage, wie es ihm gefalle antwortet er „Wenn die Sonne scheint, ist es gut hier.“ und lacht etwas spitzbübischer als sonst.

Argos Vorderrad wird gerichtet

Ein besonderes Rennrad

Direkt am Ortsausgang beginnt der Plöckenpass. Nur ca. 600 hm, durch schöne grüne Wälder unter blauem Himmel mit ein paar schneebedeckten Gipfeln als Kulisse. Ich werde wirklich gut entschädigt für das buchstäbliche Stochern im Nebel von gestern. Unterwegs werde ich von zwei anderen Rennradlern überholt: Alter Schwede, sie sind die Archetypen eines Radsportlers: Nicht zu groß, geschätzte 1.6 % Körperfett, jede Faser der Beinmuskulatur ist durch die gut gebräunte, eladtische Lederhaut zu erkennen… Argos und ich sehen ihnen mit echter Bewunderung nach. Das sind nicht solche Tölpel wie die beiden Triathleten von Tag 2.





Die sind fit



Direkt im Joch: Ein genialer Platz für ein Windrad


Die Grenze verläuft direkt über das Joch – wir sind in Italien :) Ich bin fast etwas wehmütig. Ein Grenzübertritt ist auch immer ein neuer Abschnitt – und das Ende eines vorherigen. Ich blicke zurück nach Österreich: Hier fühle ich mich immer willkommen, die Österreicher geben mir nie das Gefühl, ein Fremder zu sein. Ob das daran liegt, dass ich mich hier fast immer in den Bergen bewege? Egal, ich mag Österreich einfach. Ich blicke wieder nach vorne, nach Italien: Für dieses Land habe ich eine unerklärliche Schwäche. Das Temperament, der Sinn für Schönes, die Sprache… Es ist alles, und ich bedaure, dass ich zunächst nur einen Abend hier haben werde. Aber ich freue mich.

In einem der nächsten Orte nehme ich einen Caffè in einer Bar. Als ich bezahle komme ich mit Fabrizio ins Gespräch, einem Scherenschleifer. Wir sprechen zuerst über Sprachen, bis er mich irgendwann fragt, was ich beruflich mache. „Sono ingegnere“, sage ich. Ehrfurchtsvoll blickt er mich an, dass es mir direkt etwas unangenehm ist. Währendman in Deutschland zuweilen für einen Schlosser mit Abendschule gehalten wird, ist Ingenieur in Italien eine große Sache. Wir verabschieden uns mit Handschlag und wünschen uns alles Gute als ich weiter fahre.



In Tolmezzo esse ich zu Mittag – eine vorzügliche Pizza – und plötzlich fällt mir auf, dass es schon fast 15 Uhr ist. Und ich habe noch knapp 100 km vor mir. Jetzt aber Schluss mit den ständigen Pausen, Head down and hammer! Es geht ständig leicht bergab, ich liege in en Aerobars und wir fliegen Triest entgegen. Vorbei an Gemona, Udine, Clauiano – alles Orte, die mich an die Tour vor 2 Jahren mit Reinhold erinnern. Ich würde gerne anhalten und mich etwas umsehen, aber bin streng mit mir selbst, weil ich nicht zu spät ankommen möchte. Irgendwann schaue ich nach rechts und sehe zum ersten Mal das Meer. Ein erhabener Moment – ich bin mit dem Fahrrad zum Mittelmeer gefahren – von Zuhause – verrückt. Hat ja auch lange genug gedauert, den 7. Tag bin ich nun unterwegs. Eigentlich ist das Radeln eine ziemlich ehrliche Form des Reisens, es „beamt“ einen nicht einfach in eine andere Welt, was mich manchmal überfordert. Und es gibt einem ein gutes Gefühl, was Entfernung wirklich bedeutet: Wie viele Sprachen, wie viele Dialekte werden zwischen zwei Orten gesprochen? Es liegt mehr dazwischen, als die bloße Zahl der Kilometer, die mit zunehmender Reisegeschwindigkeit immer abstrakter wird.

In Triest gehe ich in das Restaurant, was mir der Herr an der Rezeption empfohlen hat. Er machte im Gespräch einen guten Eindruck auf mich, und seine Empfehlung war schließlich auch gut. Ich nehme das volle Programm: Antipasto, Primo, Secondo, Dolce, Caffè. Dann mache ich einen Spaziergang und schreibe bei einem Negroni diese Zeilen.

Heute habe ich es vielleicht etwas übertrieben: Meine Oberschenkel fühlen sich anders an, als die letzten Tage. Die Straße nach Triest ist eine Rennbahn, das war auch mit Reinhold schon so. Hoffentlich wird der Muskelkater nicht so schlimm. Schlimmstenfalls gibt's einen Ruhetag :) Ansonsten geht es morgen nach Senj (Kroatien).
Gute Nacht für heute.








Der erste Blick auf das Meer

Ist das nicht ein Traum? Da muss man doch die Schenkel glühen lassen :)




Immer eine gute Gesellschaft: Signor Negroni. Prost Reinhold :)