Montag, 17. Juni 2019

Tag 23: Von Trikala nach Vourgareli im Pindos-Gebirge

Als ich heute aufwache, bin ich für einen Moment
ziemlich orientierungslos. Im Zimmer ist es dunkel und ich habe noch nicht mal eine Idee, in welchem Land ich bin. Vielleicht hat ein Traum mich durcheinander gebracht? Zumindest das Land habe ich nun schon einige Zeit nicht mehr gewechselt...

Ich finde mich aber schnell wieder zurecht: Ah, das Panhellinion in Trikala. Es könnte schlimmer sein. Das Frühstück gibt es auf einem Platz vor dem Hotel unter Platanen. Ich schaue mich ausgiebig nach dem Buffet um, bis ich mir sicher bin, dass es keines gibt: Ein älterer Kellner in Tuchhose und Hemd bringt den Gästen das Frühstück an den Tisch. Wie gesagt, es ist ein etwas altmodisches Haus. Kulinarisch ist das Frühstück kein Höhenflug, aber als Buffet-Muffel bin ich dem Kellner sehr dankbar. Beim Auschecken halte ich noch ein Schwätzchen mit dem Sohn der Eigentümer, der mir zum Abschied noch eine Flasche Wasser schenkt: Es wird ein heißer Tag.

Als ich dann aufbreche, sehe ich ein paar Leute in Laufshirts. Und tatsächlich, ein paar Meter weiter ist der Zieleinlauf von einem Volkslauf. Im Vergleich zu den Läufen, die ich aus Deutschland kenne, ist leider nicht so viel los. Vereinzelt tröpfeln die Finisher ins Ziel, wo außer einer Handvoll mutmaßlicher Angehöriger eigentlich kaum jemand zuschaut. Aber es gibt einen Kommentator, Medaillen für die Finisher, Getränke, einen Krankenwagen für den Fall der Fälle - ein richtiger Lauf. Hätte ich das mal vorher gewusst, vielleicht hätte ich wirklich noch meine Laufschuhe mitgenommen :)



Nun wird es aber wirklich Zeit. Ich verlasse die Stadt und mache mich auf den Weg zum Heimatdorf meiner Mutter. Wir fahren durch Mais- und Weizenfelder, und mir wird bewusst, wie fruchtbar diese Gegend offenbar ist. Allerdings ist es im Sommer auch sehr heiß, und bereits jetzt werden manche Felder bewässert. Die Wassersprenger führen doch eine echte Choreographie auf.

Am Ortseingang von Mavromati (bedeutet "Schwarzes Auge") liegt der Friedhof, und so besuche ich direkt die beiden Einzigen, die ich hier noch kenne: Meine Großeltern. Ansonsten gibt es natürlich noch ein paar entfernte Onkel und Tanten, aber niemanden, dem ich einen Besuch abstatten müsste. Ich komme auch an dem Haus eines Onkels vorbei (der in Athen lebt) und erinnere mich an glutheiße Sommer mit Cousin und Cousinen, das Spielen an der Quelle am Berg, das Suchen nach Schildkröten, die Versuche den Hühnern das Fliegen beizubringen, die Diskussionen ob man in diesem oder jenem Laden das Eis kauft, den Geruch im Haus meiner Großmutter (was inzwischen nicht mehr steht)... Damals war es eine andere Welt. Es ist das erste Mal, dass ich wirklich ganz alleine hier bin, und als mir das bewusst wird, werde ich für einen Moment etwas traurig. Dieser Ort an sich ist nicht so etwas besonderes - es sind die Erinnerungen, die er herbeiruft, und die ich gerne teilen würde. Aber diese Reise geht eben nur alleine, und das ist auch gut so.

Von Mavromati fahre ich über Mouzaki und Pyli in Richtung der Berge. Ich Mouzaki hält neben mir ein Wagen und der Fahrer fragt, ob ich zufällig hier aus der Gegend käme. Ich muss innerlich lachen - ich komme rund 2500 km nordwestlich von hier :) In Pyli esse ich noch eine Kleinigkeit, denn ich bin mir nicht so sicher, wann die nächste Gelegenheit kommt - nun geht es in die ziemlich dünn besiedelten Berge. Nach ein paar Minuten traue ich meinen Augen kaum: Mir kommt eine Gruppe von mindestens 20 Rennradfahrern entgegen, die mich auf Griechisch grüßen. Mir sind heute bereits 4 einzelne Rennradler entgegengekommen, aber so eine Gruppe! Ich bin ehrlich beeindruckt und auch ein bisschen stolz auf die sportbegeisterten Leute aus der Heimat meiner Mutter :)

Aber jetzt bin ich auch dran mit Sport: Es geht steil und nachhaltig bergan. Schnell verändert sich die Landschaft wieder und es wird spürbar kühler. Was mir nicht gefällt ist, dass der Himmel in westlicher Richtung (da möchte ich hin) ziemlich duster ausschaut und ich immer häufiger ein fernes Donnergrollen höre. Ich beobachte weiterhin den Himmel, aber es macht alles einen recht statischen Eindruck: Das schlechte Wetter scheint sich in den Bergen verfangen zu haben. Irgendwann kommen auch ein paar vereinzelte Regentropfen, aber ich versuche es erstmal weiter ohne Jacke. Endlich nähere ich mich dem Gipfel. Es gibt einen neuen Tunnel, der einem das beste Panorama vorenthält. Die alte Straße ist offiziell gesperrt, aber bei Google Earth habe ich gesehen, dass sie eine spektakuläre Aussicht bietet. Ich verstehe jedoch schnell, warum Autos hier nicht mehr fahren sollten: Die Straße ist zum Teil stark abgesunken, der Belag ist an vielen Stellen defekt und die Bäume wachsen auf den Weg. Beeindruckend, wie die Natur sich zurück holt, was ihr gehört. Als ich auf der Passhöhe ankomme, bin ich wirklich begeistert: Die gegenüberliegenden Gipfel sind zum Greifen nah. Ich beeile mich, schnell ein paar Fotos zu machen, denn es ist inzwischen ziemlich stürmisch und der Höhenmesser steigt, obwohl ich mich gar nicht bewege... Dann nehme ich doch wieder den Weg zurück, den ich gekommen bin: Auf der anderen Seite ist die Straße unbefestigt und ich habe wenig Lust bei Gewitter auf einem Berg einen neuen Schlauch einzuziehen.







Die Abfahrt ist nicht so lang, wie gestern. Stattdessen wartet noch ein Stück auf und ab auf mich. Mein Ziel für heute ist ein Ort namens Mesochora ("Dorf in der Mitte"), und ein paar Kilometer vorher fängt es tatsächlich an zu regnen, so dass ich die Regenjacke anziehe. Als ich in Mesochora ankomme, bin ich dann einigermaßen enttäuscht. Irgendwie hatte ich mir den Ort größer vorgestellt. Im Moment kann ich nur ein paar verstreute Häuser ohne rechten Ortskern erkennen. Und es regnet, auch wenn Mesochora dafür nichts kann. Als ich auch keine rechte Unterkunft finde, beschließe ich erleichtert, einfach keine Nacht an diesem gottverlassenen Ort zu verbringen, und noch gut 30 km weiter zu fahren - nach Vourgareli. Dort gibt es wohl ein paar Pensionen und es soll auch ganz nett sein. Das Navi sagt zwar noch absurdes Klettern vorher, aber es gibt dann zum Glück viele Tunnel, die vom Navi natürlich nicht berücksichtigt werden. Gegen kurz nach acht komme ich dann an und es ist tatsächlich wesentlich einladender: Die Landschaft weitet sich nach Westen hin spürbar, ich meine sogar, irgendwo das Meer zu sehen. Und über dem Ort ist doch noch ein stattlicher Berg. Best of both worlds.

Morgen geht es wieder zurück an die Küste - an das schöne Ionische Meer. Gute Nacht für heute.






Samstag, 15. Juni 2019

Tag 22: Von Ioannina (Epirus) über den Katara-Pass nach Trikala (Thessalien)

In der Nacht ist es super warm in meinem Zimmer. Schwitzend liege ich auf dem Bett, ohne Bettdecke. Die Klimaanlage möchte ich aber auch nicht anmachen; das Gerappel und den Zug mag ich noch weniger. Bald klingelt schon der Wecker. Immerhin sind meine Sachen über Nacht 1a getrocknet. Schnell mache ich mich fertig. Als ich vor dem Haus stehe und gerade losfahren möchte, kommt eine ältere Witwe die Straße entlang. Ich wünsche ihr höflich einen guten Tag, woraufhin sie meinen Gruß erwidert und stehen bleibt: "Möchten Sie ein bisschen...". Sie hat eine typische Süßigkeit dabei, ein eingelegtes und gezuckertes Getreide, was zu bestimmten sozialen Anlässen gereicht wird (ich habe dummerweise vergessen, welche). Sie löffelt mir einen Plastikbecher voll, wofür ich mich begeistert bedanke. "Να είσαι καλά, Παλικάρι." - "Auf Dein Wohl", für Παλικάρι fällt mir keine treffende Übersetzung ein. Langenscheidt meint "ganzer Kerl", was auch nur ein unbeholfener Versuch einer Übersetzung ist. Am ehesten trifft es "mein Junge" in wohlwollender Form - und diese Anrede ist in Deutschland unter Fremden genau so unüblich, wie jemandem Fremden auf offener Straße eine Süßigkeit zu schenken. Diese unmittelbare Arglosigkeit, dieser herzliche und vertraute Umgang sind typisch griechische Eigenschaften, die ich absolut schätze.


Nach dieser schönen Begegnung frühstücke ich noch ein weiteres Mal - bei einem Bäcker. Ein Typ, etwas älter als ich, setzt sich zu mir. Er hat Argos gesehen und stellt mir ein paar interessierte Fragen. Dann erzählt er, dass er Busfahrer ist, und in ein paar Stunden wieder zurück in eine andere Stadt fährt. In Griechenland gibt es, vermutlich wegen der Berge, nur wenig Eisenbahnen und stattdessen Überlandbusse. Jetzt stelle ich interessierte Fragen: Ich erfahre, dass er, obwohl er für die griechische Busgesellschaft fährt, seinen Bus selber kaufen müsste (250.000 €!). Als er dann erzählt, dass es obligatorisch ist, alle 13 Jahre einen neuen Bus zu kaufen, frage ich ihn, ob es sich überhaupt lohne, worauf er nachdenklich den Kopf wiegt. Dann unterhalten wir uns noch etwas über private Dinge (er hat einen 11-jährigen Sohn, ist aber von der Mutter getrennt und wir sind tatsächlich gleich alt)... Wir verabschieden uns und wünschen uns alles Gute - wieder eine typisch griechische Begegnung :)

Nun wird es aber Zeit für Argos und mich. Wir verlassen das schöne Ioannina und fahren den See entlang in die Berge. Die Straße steigt kontinuierlich an, und wie gestern haben wir sie für uns - kaum Autos. Irgendwann sehe ich ein paar Ziegen neben der Straße. Eine von ihnen fängt plötzlich an zu bellen, rennt auf uns zu und fletscht die Zähne. Während ich noch über diese merkwürdige Ziege staune, schüttelt Argos mich ab, stellt sich zwischen uns und raunt mir zu: "Das ist ein Hirtenhund, ein Profi. Er sagt dass er uns in Ruhe lässt, wenn wir uns langsam davonmachen." Von Hund zu Hund gibt es eben doch weniger Missverständnisse. Wir tun wie geheißen, und der brave Hirtenhund kehrt zu seiner Herde zurück, um sich wieder in eine Ziege zu verwandeln.

Die Straße geht noch immer wieder auf und ab, bis der eigentliche Anstieg zum Pass kommt. Irgendwann ist es aber soweit. Die Umgebung ist schon länger auf Berge umgestellt, es riecht nach Kiefern und Ginster, die Farben sind in der klaren Atmosphäre wunderbar intensiv und an manch höherem Gipfel sehe ich noch den einen oder anderen Schneeflecken. Als ich in einem Dorf vorbeikomme, rufen mich ein paar Leute vor einem Kafeneion: "English?" - "Yes, but Greek as well.", antworte ich. "Ahh, komm zu uns, komm komm.". Drei Männer sitzen vor dem Laden und die Wirtin steht daneben. Irgendwie habe ich Lust auf ein Schwätzchen, es ist gerade etwas anstrengend... Allerdings ist die Konversation auch nicht einfach, weil fast alle gleichzeitig auf mich einreden. Die Wirtin fragt mich direkt, ob ich nicht für 2 Wochen für ein paar kleinere Arbeiten bei ihr bleiben wolle. Ob ich ihren Kühlschrank reparieren könne. Aber die Uhr, die könne ich ihr ja wohl wenigstens reparieren... Ich frage mich was noch alles kaputt ist. Die Männer interessieren sich für Argos und die Reise. Wie viele Gänge er hat, was das für merkwürdige Reifen seien... "Was machst Du mit den Hunden? Hast Du irgendetwas, um sie zu vertreiben?" - "Nein, wenn Hunde kommen..." Er lässt mich nicht ausreden: "Du hast nichts dabei?! Und was willst Du dann machen? Deine Pistole herausholen?", und er formt mit der Hand eine Pistole und hält sie sich in den Schritt. Schallendes Gelächter. Damit geht das Gespräch in eine andere Richtung und ich verabschiede mich höflich - ich habe ja auch noch ein gutes Stück Weg vor mir.







Ungefähr 400 hm unterhalb der Passhöhe esse ich zu Mittag. Als ich wieder losfahre, merke ich plötzlich meine Beine. Zeit für ein Jens Voigt-Zitat: "Shut up legs!". Nach ein paar Minuten hören sie tatsächlich wieder auf zu jammern und es geht der Passhöhe entgegen. Auf knapp über 1600 m.ü.A. ist es auch in Griechenland angenehm kühl und sehr grün. Die Vegetation ist hier wie in gemäßigten Klimazonen und die Gipfel sehen praktisch genau wie in den Alpen aus. Mir kommt ein Radreisepaar in meinem Alter entgegen, aber ansonsten ist es ruhig. An der Passhöhe laufen ein paar Kühe und ein Stier über die Straße. Obwohl weder Argos noch ich die Sprache der Kühe verstehen, ist doch schnell klar, dass er mit seinen Kühen lieber alleine sein möchte. So rollen wir vorsichtig an ihm vorbei und stürzen uns in die 16 km lange Abfahrt :) Irgendwann ist wieder eine Ziegenherde an der Straße - mit 3 sehr professionell wirkenden Hütehunden. Ruhig aber superaufmerksam betrachten sie uns - zum Glück ist der Hirte auch da. Ich grüße ihn und bitte, dass seine Hunde uns nicht aufessen mögen, woraufhin er sie zurück hält und wir unsere Fahrt fortsetzen.

Irgendwann kommen wir um eine Kurve - und sehen die Meteora-Felsen. Es ist ein toller Anblick. Auch wenn es auf meinen Bildern nicht so herauskommt: Diese Landschaft ist wirklich beeindruckend und die Klöster auf manchen der Felsen sind es ebenfalls. Nicht umsonst müsste James Bond auch hier schon die Welt retten. Ich bedaure ein wenig, nicht mehr Zeit zu haben und die Panoramastraße nicht machen zu können, aber ich möchte noch weiter nach Trikala und habe schon ordentlich was in den Beinen. Es ist wirklich erstaunlich, aber ab Meteora gibt es plötzlich keine Berge mehr, sondern die Landschaft ist topfeben. Die Straße führt tatsächlich rund 18 km schnurgerade nach Trikala. Das ist wirklich wie in einem Western... In Trikala finde ich, zu meiner Überraschung bei Booking kein Hotel. Auf gut Glück versuche ich es im Panhellinion, dem ehemals 1. Haus am Platz. Es ist ein altmodisches Hotel, dem man aber seine stolze Klasse immer noch ansieht. Ich mag diesen etwas morbiden Charme - und habe Glück.

Morgen geht es etwas weiter südlich wieder zurück durch die Berge. Ich bin gespannt, denn diesen Weg kenne ich noch nicht. In jedem Fall wird es nochmal reichlich zu Klettern geben. Es ist also schon wieder Zeit fürs Bettchen. Gute Nacht für heute.












Tag 21: Von Pagi (Korfu) nach Ioannina (Epirus)

Die erste Wahrnehmung von heute ist die gleiche, wie die letzte von gestern: Meine Mutter ist auf und packt. Sie ist sehr leise, aber ich habe ihren leichten Schlaf geerbt. Ob sie überhaupt geschlafen hat? Da mein Wecker auch bald klingeln wird, stehe ich auch auf. Die Morgenroutine ist heute anders, als sonst: Meine Eltern reisen heute auch ab und wir wollen recht früh das gleiche Schiff von der Stadt nach Igoumenitsa, zum Festland nehmen. Da Argos und ich etwas langsamer sind, müssen wir schon etwas früher los. Es gibt also nur ein Sparfrühstück und los geht's.

Die letzten Tage auf Korfu waren übrigens sehr erholsam: Aufstehen ohne Wecker, gemächlicher Start in den Tag, etwas zu Hause herumbasteln (auch Argos brauchte etwas Pflege), eine Runde Schwimmen, Tsipouro auf dem Rückweg vom Strand bei Tseni und Giorgos, Abendessen, schlafen - ich hoffe, dies reicht als Beschreibung der Tage 18 - 20. Diese beschaulichen Tage waren genau das, was ich jetzt brauchte :)

Unterwegs bin ich wieder hingerissen, von der Schönheit der Insel. "Wie in der Toskana; vielleicht besser?", denke ich bei mir, und muss sogleich über mich selber schmunzeln: Mit welch anderen Augen man doch eine Gegend sieht, zu der man sich irgendwie verbunden fühlt. Aber es ist wirklich schön.




Eine halbe Stunde bevor das Schiff abfährt, komme ich an. Perfekt, noch Zeit für einen Kaffee. Zehn Minuten vor Abfahrt sind meine Eltern noch nicht da, ich schaue auf mein Handy und tatsächlich habe ich eine Nachricht, dass sie es nicht schaffen und mir eine gute Reise wünschen. Da ich schon fast damit gerechnet hatte, ist Plan B bereits fertig: Ein 2. Frühstück und ein 3. Kaffee in der Stadt. Bei einem Bäcker kaufe ich mir etwas Leckeres und setze mich auf eine Bank am Rathausplatz. Obwohl alle anderen Bänke frei sind, kommt ein Opa (älterer Herr trifft es nicht so recht) und setzt sich zu mir. Kurz danach kommt ein Bekannter gleichen Alters von ihm vorbei, und die Beiden unterhalten sich lauthals - und mich auch. Der eine ist auf dem Weg, sich neuen Tsipouro zu kaufen, der letzte habe ihm nicht geschmeckt. Eine Gruppe Kreuzfahrttouristen wird auch kommentiert: "Wie die Schafe...". Als ich aufstehe, wünsche ich den beiden einen angenehmen Tag, auf Griechisch. "Ahhh, der Fahrradfahrer, was hast Du denn für ein Fahrrad, damit könnte man direkt nach Athen fahren. Hat es Batterien?" - "Siehst Du denn nicht, die Batterien hat er in seinen Beinen.", entgegnet der andere. Dann fangen sie an, anzügliche Witze über eine dritte Batterie zu machen, und ihr Alter zu bedauern, aber das bekomme ich kaum noch mit. Schnell noch einen Kaffee im Bristol, meiner Lieblingsbar auf Korfu. Vorsicht, die Preise sind überzogen und der Service nicht besonders freundlich, aber es ist einfach ein schöner Laden. Dann treffe ich meine Eltern im Hafen und los geht's. Mit meinem Vater beobachte ich das geschäftige Treiben an Land und an Wasser - Hafenatmosphäre ist einfach einmalig.






In Igoumenitsa verabschieden wir uns. Meine Eltern besuchen noch einen Freund in der Nähe, bevor am Abend ihr Schiff nach Italien geht, und ich fahre Richtung Ioannina. Seit ein paar Jahren gibt es eine moderne Autobahn; ich werde die alte Bundesstraße nehmen. Ich habe intensive Erinnerungen an diese Straße: Früher sind wir sie gefahren, wenn wir meine Großeltern besuchen wollten. Damals war es DIE Ost-West-Verbindung durch Griechenland, und dementsprechend war der Verkehr: LKWs auf dem Weg nach Südosteuropa und türkische Familien, die ich immer bedauert habe, weil sie es noch mindestens einen Tag weiter hatten. Die Straße führt durch eine bergige Gegend, es gibt viele Kurven und im Sommer ist es glutheiß. Als Kind habe ich es gehasst, und während meine Schwester es einfach tapfer ertragen hat, wurde ich schon Tage vorher reisekrank. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist, aber heute liebe ich solche Reisen. Von dem damaligen Verkehr ist freilich nichts mehr übrig: Der Autobahn sei Dank, begegnet mir etwa alle 4 Minuten ein Auto, fast als ob die Straße ein gut ausgebauter Radweg wäre. Allerdings bin ich auch der einzige Radler.

Ich erinnere mich an ein Dorf auf halbem Wege, wo ich vorhabe zu Mittag zu essen. Früher gab es sehr viele Restaurants entlang dieser Straße, die alle gut vom Verkehr leben konnten. Inzwischen sind es spürbar weniger. Manche Orte wirken fast etwas ausgestorben. Wie ich zur Mittagszeit durch die Hitze und grelles Licht fahre, muss ich unwillkürlich an "12 Uhr mittags" denken. Es ist wirklich eine Western-Atmosphäre. In meinem Mittagsort sagt mir der erste Laden irgendwie nicht zu. Ansonsten gibt es noch einen anderen, der aber eher nach Kafeneion (traditionellem Kaffeehaus, was nur von Männern aufgesucht wird) aussieht. Zwei Männer mittleren Alters sitzen bei Bier an einem Tisch, die Wirtin unterhält sich mit ihnen. Ich bleibe vor ihnen stehen. "Hallo." sage ich."Hallo", kommt es dreifach zurück. Die beiden Gäste sehen mich neugierig, die Wirtin etwas irritiert an. "Haben Sie Essen?", frage ich sie. Sie taxiert mich und lässt sich Zeit mit ihrer Antwort: "Es gibt Nudeln mit Kalb". "Schön" lächele ich und setze mich hin. Sie fragt mich noch, woher ich denn käme, was ich mit einem knappen "Gerade aus Korfu." beantworte. Irgendwie habe ich gerade keine Lust zu erzählen, dass ich komplett mit dem Fahrrad hergefahren bin. Auch die beiden anderen Gäste sind aber so neugierig, dass sich am Ende doch ein echtes und nettes Gespräch ergibt. Als ich erzähle, dass ich in die Heimat meiner Mutter fahre, bricht das Eis. Dann kommt auch schon das Essen, und es ist vorzüglich: Ein einfaches, gutes, gut gewürztes Essen, als ob eine Tante eben etwas gekocht hätte. Ich esse mit sichtbarem Appetit und lobe Ihr Essen, woraufhin sie mich direkt fragt, ob ich noch einen Nachschlag möchte. Ich lehne dankend ab, und bestelle stattdessen einen griechischen Kaffee (der gleiche wie der türkische, oder auch arabische...). Prüfend sieht sie mich ruhig an, ohne etwas zu sagen. "Μέτριο." sage ich - mittelsüß - und habe endgültig bestanden.




Continental Gatorskin - hoffentlich kein schlechtes Omen, dass hier einer der robustesten Rennradreifen überhaupt aufgegeben hat



"Langsam - Eis" (steht so auf dem Schild)



Es muss nicht immer Meer sein - der See bei Ioannina

Als ich in Ioannina ankomme, finde ich schnell eine Unterkunft, mache mich fertig und gehe spazieren. Ich war bereits hier, erinnere mich aber nicht mehr so ganz genau, wo alles ist. Ich mag diese Stadt sehr, das fängt schon beim Namen an. Die Stadt liegt im Inland, am Fuße des Pindos-Gebirges, direkt an einem größeren See. Es ist eine mittelgroße Stadt mit einer Universität und einer schönen Altstadt. Insgesamt sieht man hier noch recht stark die Spuren der ottomanischen Besatzungszeit: Die Moschee ist z.B. immer noch erhalten, was in Griechenland weniger häufig ist, als in anderen Balkan-Ländern. Das beste ist, dass es kaum Touristen gibt. Maximal ein paar Natur- oder Kulturbegeisterte, aber die fallen kaum auf - es ist eine sehr authentische Stadt. Ich habe Glück und finde einen tollen Mezedopolio, einen Laden der verschiedene Kleinigkeiten (und auch größere Sachen) anbietet, und der von kultivierten jungen Leuten betrieben wird. Alles sehr liebevoll gemacht und eine interessante Auswahl. Außerdem gibt es heute Abend ruhige Livemusik: Meist alte, traurige und augenzwinkernde Liebeslieder. Ich bestelle mir noch einen Tsipouro und beschließe, den heutigen Eintrag hier zu schreiben. Aber nun ist der Eintrag fertig, man soll gehen, wenn es am schönsten ist, und morgen warten einige Höhenmeter auf mich. Gute Nacht für heute.